Ich bin keine Ware!

Die Wiesbadener Stadtverordnete, Manuela Schon (LINKE), ist eine gl√ľhende Prostitutionsgegnerin. Auf Twitter geraten wir des √Ėfteren aneinander. Einer sachlichen Diskussion verweigert sie sich bist heute – entweder mit der Begr√ľndung, ich sei respektlos oder mit der Empfehlung, lieber ihre Artikel zu lesen, in der sie ja alles schon ausf√ľhrlich erkl√§rt h√§tte. Das habe ich getan. Und das ist es, was ich ihr dazu zu sagen habe:

Liebe Manuela Schon!

Ich bin keine Ware! Wie du Sexarbeiter in deinem Artikel Die Frau verkauft nicht sich selbst entmenschlichst, verdinglichst und pathologisierst, ist respektlos und entw√ľrdigend, weder links, noch feministisch.

Sex wird durch diese Definition vom Selbst getrennt und zum Produkt, einer Ware, einem Ding gemacht. Aber das funktioniert nicht, nicht mal bei Gegenständen. So bleibt Holz, welches zu einem Tisch verarbeitet wird immer noch Holz, obwohl die Form verändert wurde.

Im Falle der Prostitution ist Sex keine Ware im materiellen Sinne, sondern eine nicht-gegenst√§ndliche Dienstleistung und somit weder mit Holz, noch mit einem Tisch zu vergleichen. Die Wikipedia definiert eine Dienstleistung als eine “von einer nat√ľrlichen oder juristischen Person zu einem Zeitpunkt oder in einem Zeitrahmen erbrachte Leistung zur Deckung eines Bedarfs”, in deren Mittelpunkt nicht die materielle Produktion steht. Wir Sexarbeiter verstehen uns deshalb als Dienstleister. Die Verdinglichung von Sex, die du dem Kapitalismus vorwirfst, m√ľ√ütest du dir selbst zu Lasten legen. DU behauptest, Sex sei ein Ding und seine Anbieterin eine Ware.

Man will uns weismachen Sex sei ein Produkt welches man auf dem Marktplatz verkaufen kann, irgendwie freischwebend, losgel√∂st vom K√∂rper. Aber das ist de facto nicht m√∂glich: Sex funktioniert nur mit einem K√∂rper aus Fleisch und Blut. Die “Sexarbeiterin” muss also pr√§sent sein, aber so tun als sei sie es nicht.

Die Sexarbeiterin mu√ü zur Erbringung ihrer Dienstleistung ebenso pr√§sent sein, wie ein Arzt, ein Friseur, ein Masseur, ein Anwalt, etc. zur Erbringung seiner Dienstleistung pr√§sent sein mu√ü. In unserem Falle ist die K√∂rperlichkeit der Pr√§senz sogar ein zentrales Element. Mit einen Apfelkuchen zu kopulieren, w√§re preiswerter, aber das wollen meine Kunden nicht. Sie bezahlen daf√ľr, dass ich es bin, eine Frau aus Fleisch und Blut, die mit ihnen interagiert. Die Behauptung, ich m√ľsse so tun, als sei ich w√§hrend des Aktes nicht anwesend, ist ein Vorurteil, das von Leuten propagiert wird, die selbst keine Erfahrungen in der Branche haben. Ich habe nie so getan, noch wurde das jemals von mir verlangt.

Zahlreiche Prostituierte berichten davon wie sie w√§hrend der Prostitution in Gedanken in eine andere Realit√§t fl√ľchten, dass sie es ohne diese Strategie nicht aushalten w√ľrden, sich schmutzig f√ľhlen oder zugrunde gehen w√ľrden.

W√§hrend des Sexualaktes “in eine andere Realit√§t” zu fl√ľchen, ist unter vielen Menschen verbreitet, egal in welchen Berufen sie arbeiten. Ich denke z.B. oft an Tentakel und Sperma w√§hrend ich masturbiere. Es soll sogar Ehefrauen geben, die ihren Ehem√§nnern Orgasmen vort√§uschen, damit sie schnell wieder die Dinge tun k√∂nnen, die sie eigentlich gerade tun wollten. Dass Menschen sich in sexuellen Kontexten “schmutzig” f√ľhlen, hat etwas mit der gesellschaftlichen Tabuisierung von Sex zu tun. In den 50er Jahren, haben sich M√§nner bspw. mit Elektroschocks therapieren lassen, weil sie sich aufgrund ihrer Homosexualit√§t schmutzig f√ľhlten. Sich schmutzig zu f√ľhlen, macht einen Menschen dennoch nicht zu einem Ding.

Die meisten Frauen, die eine K√∂rperzone f√ľr Tabu erkl√§ren, tun dies um einen Teil von sich selbst f√ľr sich zu behalten und einen kleinen Rest von Intimit√§t, die jeder Mensch braucht, zu bewahren. Prostituierte entwickeln mit der Zeit zwei Identit√§ten: Das Selbst und das prostituierte Selbst. Auch andere Personen, die mit Prostitution in Ber√ľhrung kommen erleben √§hnliches…

Ich empfinde es als intimer, einem Fremden Menschen meine Schw√§chen oder Defizite zeigen zu m√ľssen, als mit ihm Sex zu haben. Dass jeder Mensch Sex als gleichsam intim empfindet, ist ein Mythos, der individuelle Intimit√§tskonzepte v√∂llig ausblendet. F√ľr Kajsa Ekis Ekman sind Huren und Menschen, die mit Huren zu tun haben, offenbar defizit√§r, gespaltene Pers√∂nlichkeiten, Kranke, die sie pathologisieren mu√ü. Sie negiert dadurch ihre individuellen, subjektiven, menschlichen Erfahrungen, Entscheidungen, Gef√ľhle und Verhaltensweisen. Sie verdinglicht und objektifiziert Menschen, ohne zu hinterfragen, wieviel Leid sie selbst dadurch verursacht.

Kajsa Ekis Ekman vermutet, dass auch das Narrativ der Sexworker_innen ein Weg ist um Prostitution von sich fern zu halten. [...] Wir sprechen dar√ľber, interpretieren sie, deuten sie um, idealisieren sie, spekulieren √ľber sie – aber wir lassen sie nicht an uns ran.

Ein Euphemismus: Prostituierte “debattieren” nicht √ľber Prostitution, sondern sie k√§mpfen f√ľr ihre Menschen-, B√ľrger- und Berufsrechte – und zwar weil ihr nacktes √úberleben davon abh√§ngt. In einer Gesellschaft, in der Frauen (Alte, Kranke, Arme, Fremde, Homosexuelle, …) systematisch unterdr√ľckt werden, k√§mpfen sie dagegen, dass sie auch noch ihrer letzten Option, eigenes Geld zu verdienen, beraubt werden. Sie k√§mpfen gegen ihre Illegalisierung und Kriminalisierung – f√ľr die Anerkennung ihrer Menschenw√ľrde. Wei√üe, privilegierte Pseudo-Feministinnen verstehen das deshalb nicht, weil es nicht ihre Existenz ist, die auf dem Spiel steht. Sie k√∂nnen es sich leisten, √ľber Verbote zu philosophieren, weil sie nicht davon betroffen sind.

Prostituierte Personen die “Sexarbeit” im Fernsehen, im Radio, in der Zeitung verteidigen ziehen eine klare Trennlinie zwischen diesen Auftritten und ihrer Arbeit: Auf deren Webseiten [...] kann man nichts √ľber ihre Angebote erfahren, man kann sie nach Fernsehauftritten nicht auf ihre Preise ansprechen.

Das liegt einerseits daran, dass es uns nach ¬ß¬ß 119 – 120 OwiG verboten ist, unsere Dienstleistungen zu bewerben und sich viele Anbieter_innen aufgrund von Rechtsunsicherheit davor f√ľrchten. Andererseits warnen nat√ľrlich auch Fernsehanstalten sehr explizit davor, ihre Sendung f√ľr Werbezwecke zu mi√übrauchen. Obwohl ich in der √∂ffentlichkeit als Sexarbeiterin auftrete, finden sich auf meiner Website bspw. sowohl Preise als auch Beschreibungen meines Angebots. Das liegt daran, dass ich es mir als privilegierte, wei√üe Prostituierte mit deutscher Staatsb√ľrgerschaft und akademischer Bildung im Gegensatz zu vielen meiner Kolleg_innen leisten kann, im Zweifelsfall vor Gericht zu ziehen und f√ľr meine Rechte als Einzelunternehmerin zu streiten.

Auch wenn Sexualität zu einer Ware wird, wird dadurch nicht automatisch Prostitution zur Arbeit. Genauso wenig wie das Geld welches in ihr verdient ist, nicht normales Geld ist.

Verdammt, h√§tte ich das fr√ľher gewu√üt. Ich Dummchen zahle die ganze Zeit Steuern f√ľr dieses Nicht-Geld (scnr). Prostitution wird deshalb nicht zur Arbeit, weil es eine nicht geringe Zahl an Menschen gibt, die sich weigert, sie als Arbeit anzuerkennen. Wir leben in einer Gesellschaft, die Huren stigmatisiert und an √ľberholten Geschlechterrollen festh√§lt: Wenn ich das Arbeitsamt um Vermittlung bitte und die mir tats√§chlich helfen, dann verursache ich einen Medien-Skandal. Konsensueller Sex unter Erwachsenen gegen Geld wird nicht als legitime Option akzeptiert. Es f√§llt uns aufgrund unserer sozialisierten Sexualmoral schwer, Sex als etwas von Liebe und Zuneigung Unabh√§ngiges zu betrachten, das auch f√ľr sich genommen Wert hat. Prostitution ist deshalb keine Arbeit, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Man bezeichnet es oft als “Monopoly-Geld” oder auch “schmutziges Geld”. Es wird genauso schnell ausgegeben wie es eingenommen wird, weshalb viele prostituierte Frauen nicht reich aus der Prostitution heraus kommen, obwohl sie selbstbestimmt und ohne Zuh√§lter arbeiten (ein gutes Beispiel w√§re Domenica, die “K√∂nigin der Reeperbahn”)

Nein, nicht “man” bezeichnet es so, sondern du tust es. Aber mal ehrlich, die Verdienstm√∂glichkeiten in der Prostitution sind √ľbersch√§tzt. Es funktioniert hier √§hnlich wie in der Kunst- oder Musikbranche: Es gibt einige, wenige Stars, die sich eine goldene Nase verdienen. Die meisten haben hingegen geringe Eink√ľnfte und m√ľssen mit Hartz IV aufstocken. Insbesondere migrantische Sexarbeiter_innen geben von dem hart verdienten Geld hohe Summen an Mittelsm√§nner ab, weil sie aufgrund der rechtlichen Komplexit√§t von Einreise und Prostitutionsregulierung darauf angewiesen sind, wenn sie legal arbeiten wollen. Davon, so reich zu sein, dass wir mal eben 3 Mios auf unserem Schweizer Bankkonto vergessen, tr√§umen wir.

Das Abspalten der Persönlichkeit ist nicht nur ein Abwehrmechanismus, es ist gefährlich. Medizinisch spricht man von einer posttraumatischen Belastungsstörung, unter der prostituierte Personen in gleichem Maße leiden wie Kriegsveteranen oder Folteropfer (siehe Farley-Studie).

Es wird flei√üig weiterpathologisiert: Obwohl Prostituierte angeblich gleicherma√üen unter PTBS leiden wie Soldaten, wird das Verbot, sich als Soldat zu verdingen, nicht mit derselben Vehemenz gefordert wie das Prostitutionsverbot. Warum sind es immer wieder Frauen und die von Frauen ausge√ľbten Berufe, die infrage gestellt werden? Warum sind es immer wieder sexuelle Kontexte, die reguliert und beschr√§nkt werden sollen? Weil wir in einer Gesellschaft leben, die Frauen und Sex systematisch unterdr√ľckt. Prostitutionsverbote sind kein Mittel dagegen, sondern ein Ausdruck davon. Warum uns Sexarbeiter das zu einer Ware machen sollte, erschlie√üt sich mir nicht.

Deshalb ist Prostitution keine Arbeit wie jede andere.

Nein, Prostitution ist deshalb keine Arbeit wie jede andere, weil sie mit Sex zu tun hat, was tabuisiert wird und weil sie √ľberwiegend von Frauen ausge√ľbt wird, die unterdr√ľckt sind. Deshalb genie√üen Sexarbeiter_innen auch nicht dieselben Rechte wie alle anderen Arbeiter_innen, weil man sie ihnen nicht zugesteht. W√§hrend f√ľr alle Erwerbst√§tigen die Abgabenordnung gilt, gilt f√ľr uns das D√ľsseldorfer Verfahren. W√§hrend f√ľr alle Gewerbe die Baunutzungsverordnung gilt, gilt f√ľr uns die Sperrgebietsverordnung. W√§hrend f√ľr alle Arbeitnehmer das Arbeitsschutzgesetz gilt, gilt f√ľr uns der Kondomzwang nach Hygieneverordnung. W√§hrend f√ľr alle B√ľrger das Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung gilt, gilt f√ľr uns ¬ß 104 StPO. Eine T√§tigkeit, die rechtlich und gesellschaftlich nicht gleich behandelt wird, wird von dieser Gesellschaft logischerweise nicht als “normal” betrachtet und wird ergo auch nie diesen Status erreichen. Wiederum: Sexarbeit ist deshalb keine Arbeit wie jede andere, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Was den Freier angeht w√ľnscht dieser sich, dass die Prostituierte ganz da ist, eine Frau die nicht so tut als w√§re es Arbeit f√ľr sie.

Der gemeine Freier existiert nicht. Auch Freier sind Menschen mit individuellen Bed√ľrfnissen und Erfahrungen. Im Begriff “Freier” findet wiederum eine unzul√§ssige Verdinglichung und Entmenschlichung statt. Es handelt sich um Kunden sexueller Dienstleistungen. Auch sie werden diskriminiert und entwertet. Auch ihre Bed√ľrfnisse werden auf den Aspekt der Not reduziert, genauso wie es bei den Anbieter_innen geschieht. Wenn es hei√üt, Freier h√§tten es n√∂tig f√ľr Sex zu bezahlen, dann spricht daraus eine tiefe sexistische Sozialisierung: Wenn er in dieser Gesellschaft etwas wert sein will, hat der Mann die Frau kostenlos rumzukriegen, durch Eroberung und Heldentat ihr Herz zu gewinnen. Der Mann, der das nicht schafft oder sich weigert, das Spiel mitzuspielen, mu√ü demzufolge ein Versager, ein Ekel, ein Perverser sein.

Wie kann das alles noch gesteigert werden?

Durch ein Prostitutionsverbot, denn die Kriminalisierung w√ľrde widerspenstige Huren, die es wagen, sich als Dienstleister zu emanzipieren und gegen ihre Unterdr√ľckung aufzubegehren, effektiv mundtot machen. Es w√ľrde den unterschwelligen Hurenhass, der aus Texten wie diesem spricht, wieder salonf√§hig machen. Niemand m√ľ√üte dann mehr so tun, als w√§ren Huren Menschen, als h√§tten sie, egal welche Not sie trieb, ein Recht auf Rechte. Man k√∂nnte sie ohne Skrupel nicht nur als Ware, als Ding bezeichnen, sondern sie auch so behandeln.

Leider beweist mir dein Text nicht, dass ich Ware bin, sondern dass du mich als Ware betrachtest und Sexarbeiter gerne so sehen willst. Wenn deinesgleichen dann mit Fakeln und Transparenten aufzieht, auf denen “Die Frau ist keine Ware” geschrieben steht, erscheint es uns Sexarbeitern wie purer Hohn. Es ist eine unversch√§mte Respektlosigkeit. Denn nicht der Kapitalismus, nicht die Freier, nicht unser Job entmenschlichen und verdinglichen uns. Leute wie ihr tun es!

Follow Up

Da Manuela sich mit der Begr√ľndung, ich solle meinen Lobbyismus doch nicht in ihrem Blog verbreiten, weigert, meinen Follow-Up Kommentar zu ver√∂ffentlichen, tue ich es nun doch auch hier. Ich denke, ein solches Verhalten zeigt, wie sich Prostitutionsgegner beharrlich dagegen wehren, sachliche, begr√ľndete Diskussionen zu f√ľhren. Ihr Standpunkt ist ein fundamentalistischer, ein Glaubensinhalt, weil es ihnen an Argumenten mangelt. Offenbar traut Manuela ihren Lesern nicht zu, sich selbst eine Meinung zu bilden, weshalb sie in ihrem Blog nur eine einzige Meinung, n√§mlich ihre, zulassen kann.

Sie antwortet:

Sch√∂ner langer Text, aber leider nicht √ľberzeugend. Nicht “wir” stigmatisieren – sonderen die Sexk√§ufer tun das. Eindrucksvoll nachzulesen in allen Freierstudien, die es gibt, ob Farley, Gerheim oder welche auch immer.

So lange Sexk√§ufer Frauen objektifizieren ist es m√ľ√üig √ľber Stigma zu diskutieren. Hier mal ein paar sch√∂ne Aussagen aus der Farley-Studie (exemplarisch)

“Being with a prostitute is like having a cup of coffee, when you‚Äėre done, you throw it out.”

“The relationship has to stay superficial because they are a person and you’re capable of getting to know them. But once you know them, it’s a problem, because you can’t objectify them anymore”

“She is just a biological object that charges for services.”

“If someone is addicted to going to prostitutes, he might lose sense that a woman has feelings”

Die Ergebnisse der Studie in der Sexkäufer mit Nichtsexkäufern verglichen werden sind leider bitter, eine Zusammenfassung findet sich hier: http://abolition2014.blogspot.de/2014/04/sexkaufer-und-nichtkaufer-sind.html

Da helfen auch Romane nicht weiter: Das Gros der Sexkäufer sieht Prostituierte nicht als Menschen, sondern als Objekte an, mit denen sie machen können was sie wollen.

Bitte habe Verst√§ndnis daf√ľr, dass Feminist_innen gegen diese Misogynie eintreten.

Ich antworte:

Du schreibst einen 7000 Worte umfassenden Artikel, der “beweisen” soll, dass Sexarbeiter Objekte sind. Obwohl der Blog “Frauen sind keine Ware” hei√üt, behauptest du, Sexarbeiterinnen seien Ware. Du vergleichst uns mit Holz oder Tischen, mit Dingen. In welcher Weise objektifizierst du uns nicht? Wo bist du besser als die oben Zitierten? Du bist ihnen moralisch nicht √ľberlegen, im Gegenteil, du versuchst deiner Menschenverachtung noch einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Auf dieselbe Weise gehen Sympathisanten der sogenannten “Reparativtherapie” vor.

Was Melissa Farley betrifft, so sind ihre Arbeit und ihre Methoden unter Wissenschaftlern stark umstritten. Eine gut argumentierte Kritik kann man z.B. bei Ronald Weitzner “Flawed Theory” nachlesen: http://www.gwu.edu/~soc/docs/Weitzer/Flawed_Theory.pdf Inzwischen werden sogar Stimmen laut, Farley die APA-Mitgliedschaft zu entziehen: http://maggiemcneill.files.wordpress.com/2011/07/complaint-to-apa-re-melissa-farley.pdf

√Ąhnliches k√∂nnte man im Falle Kajsa Ekis Ekman anf√ľhren. Die Frau ist nicht einmal Psychologin, sondern Literaturwissenschaftlerin. Ich wei√ü √ľberhaupt nicht, wie sie dazu kommt, ein Buch √ľber Sexarbeit zu schreiben oder uns Sexarbeiter zu pathologisieren. Ich selbst habe u.a. einen akademischen Abschlu√ü im Fach Literaturwissenschaft. Ich bin dar√ľber hinaus selbst Sexarbeiterin. Ich habe √ľberhaupt keine Skrupel, Frau Ekmans Thesen infrage zu stellen.

Und was die Tasse Kaffee im ersten Zitat deines obigen Kommentars betrifft: Ich nehme auch deshalb Geld f√ľr Sex, weil mich die Kunden danach wieder “rauswerfen”. Das bedeutet n√§mlich, dass auch sie in ihr eigenes Leben zur√ľckkehren und trotz des Sex keine weiteren Anspr√ľche auf mich erheben. In einer Gesellschaft, die Sex und Liebe habituell nicht trennt, wird von Sexualpartnern erwartet, dass sie sp√§testens nach dem Akt (insbesondere, wenn es sich dabei nicht um einen After-Party-ONS in besoffenem Zustand handelt, worauf ich selbst nicht stehe) irgendeine Form emotionaler Bindung eingehen. Verweigert man sich einer solchen Bindung, f√ľhrt das zu Konflikten. Die Reaktionen reichen von “Magst du mich etwa nicht?” bis zu “Du Schlampe fickst doch sowieso jedem!” In derartige Probleme bin ich nach bezahlten Dates nie gelaufen. Sexualkontakte werden durch den Austausch von Geld unverbindlicher – das kann man durchaus als Vorteil und Mehrwert betrachten.

Ach ja, eins habe ich noch vergessen: Anhand von Aussagen in “Freierforen” zu “beweisen”, wie Kunden sexueller Dienstleistungen im Allgemeinen “ticken”, ist ungef√§hr so, wie anhand von Aussagen auf 4chan zu beweisen, wie Menschen im Allgemeinen ticken.


 
 
 

10 Kommentare zu “Ich bin keine Ware!”

  1. Anvil
    18. April 2014 um 11:50

    Frauen sind keine Ware

    Ich w√ľrde den Beitrag gern aus Sicht eines Mannes kommentieren, der seit 10 Jahren regelm√§√üig Bezahlsex in Anspruch nimmt. Habe den gleichen Kommentar auch bei dem Original Blog eingestellt, aber bin nicht sicher, ob er dort freigeschaltet wird.

    Kurz zu mir: bin knapp 50 Jahre alt, gehe im Jahr ca. 40 mal in FKK Klubs und bin sexuell ‚Äěnormal‚Äú, habe also keine ausgefallenen W√ľnsche.

    Stellung nehmen m√∂chte ich zu den Aussagen √ľber die ‚ÄěFreier‚Äú, die Frauen im Gewerbe nennen uns ‚ÄěG√§ste‚Äú, was mir lieber ist.

    Sexkäufer trennen ihr Freiertum vom Rest ihrer Existenz

    Das funktioniert bei mir nicht. Ich suche die Normalit√§t, ungezwungenen Sex als gemeinsames Erlebnis. Das klappt recht gut und hat Auswirkungen auf das normale Leben. Da die Frauen in den Klubs sehr attraktiv, jung und erotisch sind, habe ich mich jahrelang im ‚Äěreal life‚Äú nicht mehr binden k√∂nnen, aus Mangel an Interesse. Seit letztem Jahr habe ich eine sehr attraktive Freundin, die ich auch heiraten m√∂chte. Seitdem gehe ich auch nicht mehr zu Huren, behalte diese aber in angenehmer (teils liebevoller) Erinnerung.

    W√§hrend Prostitution fr√ľher eine schnelle Nummer, mit runtergelassenen Hosen war, so wird sie heute immer intimer. Die Prostituierte soll so tun als sei sie die Freundin, mit K√ľssen ‚Ķ

    Das ist richtig. Ich gehe meist ganzt√§gig in FKK Klubs. Dort sind die Frauen wie die M√§nner zahlende G√§ste und der Betreiber stellt die Infrastruktur. Das Ganze hat einen extrem hohen Wohlf√ľhlfaktor, denn die Menschen dort schauen zusammen Fu√üball (Sky Sport l√§uft immer), saunieren, schwimmen etc. Im Schnitt gehe ich bei einem etwa 10st√ľndigen Aufenthalt 3x mit einer Frau aufs Zimmer. Nach dem Zimmergang wird abgerechnet, wobei das nur zwischen der Frau und ihrem Gast geschieht, der Betreiber ist nicht in die Ums√§tze involviert.

    Ich erhoffe mir diesen Girlfriendsex, weiß aber, dass man den verbal nicht beschreiben kann, also nicht direkt kaufen kann. Darum achte ich bei Kontakten mit den Frauen auch darauf, ob die Chemie stimmt. Falls das Erlebte schön war, werde ich gern auch zum Stammgast, der immer wieder mit der Frau Zeit verbringt.

    Der Markt verlangt nach immer mehr Expansion:
    70er Jahre: Oralverkehr wurde Normalität …

    Im Klub gibt die Frau den Service vor. Wenn ich als Mann mehr verlange, lehnt sie ab oder verlangt einen Aufpreis. Was mich angeht, w√ľrde ich keine der nach den 70er Jahren gelisteten Praktiken machen wollen, dazu bin ich zu normal und brauche keine speziellen Steigerungen, der normale Sex ist sch√∂n und √§sthetisch genug.

    M√§nner, die Frauen im Klub brutal behandeln oder schon im Klub selber durch aggressives Verhalten auffallen, werden meist direkt von der Klubleitung entfernt. Gleiches gilt f√ľr Frauen, die ihre G√§ste systematisch abzocken.

    Warum funktionert diese Form des Paysex?
    Ganz einfach. Der Mangel des Einen ist der √úberfluss des Anderen. Leute wie ich haben mehr Geld als sie brauchen, die Huren wollen schnelles Geld, meist f√ľr eine Kombination von Luxusg√ľtern und sinnvollen Investitionen wie Studium oder Immobilienwerb. Der Mann kann zwanglos sehr sch√∂nen Sex mit attraktiven Frauen haben und jung, attraktiv und erotisch sind die Huren in den Klubs.

  2. Kommentor
    18. April 2014 um 12:32

    Kleine Verständnisfrage:

    > Die Linke Stadtverordnete, Manuela Schon, ist eine gl√ľhende
    > Prostitutionsgegnerin.

    Stadverordnete welcher Stadt? Vielleicht sollte das noch in den Satz mit rein.

  3. carmen
    20. April 2014 um 20:50

    @Anvil: Wobei ich es auch nicht “unnormal” oder “pervers” finde, wenn ein Kunde auf Anal- oder Oralverkehr steht. Was ich selbst nicht mag, biete ich nicht an. Aber da ich selbst insgesamt ziemlich kinky bin, habe ich durchaus Verst√§ndnis f√ľr kinky Kundenw√ľnsche. Genau das macht das Verh√§ltnis zwischen Anbieterin und Kunde m.E. auch attraktiv. Mit der Frau/Freundin kann man ggf. nicht so ungezwungen √ľber die eigenen Fantasien sprechen. Man l√§uft Gefahr, verlassen zu werden, weil man f√ľr zu “pervers” gehalten wird. Schmei√üt die Anbieterin den Kunden raus, weil sie ihn aufgrund seiner Neigungen f√ľr “zu pervers” h√§lt, scheitert ein Date und keine auf Dauer angelegte Liebesbeziehung.

    @Kommentor: Wait… let me google that for you.

    Wiesbaden ;)

  4. Anvil
    21. April 2014 um 00:07

    Die Fr. Schon hat meinen Beitrag zwar freigeschaltet, aber als Realsatire abgetan. :-((

    In dem Artikel gibt es Punkte, die krass falsch sind und uns Männer betreffen:

    1. Wir betrachten Huren nicht als Objekte
    Nat√ľrlich nicht. Es ist einfach sch√∂n, mit einer attraktiven und lieben Frau Sex zu haben, das geh√∂rt zu den angenehmsten Momenten im Leben. Die Hure ist eine Frau und kein Objekt.

    2. Der Mann macht was er will mit der Frau
    Absolut nicht. Die Frau hat einen Service, hat Grenzen und der Mann das zu respektieren. Das klappt meist ganz gut, in den Klubs, in denen ich verkehre, wird ein Mann mit Hausverbot belegt, wenn er Gewalt gegen√ľber den Frauen aus√ľbt.

    zu den Techniken: Oral hatte ich noch mitgenommen, das geh√∂rt einfach dazu. Aber alles danach aufgez√§hlte ist speziell und f√ľr Minderheiten interessant. Den meisten M√§nnern reicht der ungezwungene Standardsex mit K√ľssen, Blasen, Z√§rtlichkeit und Verkehr mit Kondom.

  5. Kommentor
    21. April 2014 um 01:51

    :) Dann nenn es halt “Vollst√§ndigkeitshinweis” statt Verst√§ndnisfrage. Es ist f√ľr die “Informationen aus einem Gu√ü” immer gut, wenn man sich naheliegende Details nicht suchen mu√ü.

  6. jabadabidoo
    22. April 2014 um 13:28

    Liebe Carmen

    Ich finde Deinen Kampf f√ľr Sexworkerinnen bemerkenswert, weil er auch aufzeigt, welche Moralvorstellungen wir in der Gesellschaft bzgl. Liebe und Sexualit√§t haben. Die perfekte Beziehung, wo Liebe, Alltagsvertr√§glichkeit, tiefes Verst√§ndnis und gleiche Sexualit√§t zusammen kommt, gibt es wohl √§usserst selten, bzw. gar nicht.

    Vielleicht w√§ren Partnerschaften langfristig besser aufgestellt, wenn wir gewisse Dinge trennen w√ľrden und nicht im n√§chsten Abenteuer den Kick suchen. Das Neue ist immer spannender, da unbekannt.

    Gruss

    jabadabidoo

  7. carmen
    23. April 2014 um 12:49

    @Anvil: Ja, aus den undifferenzierten Worten einer Manuela Schon spricht viel Menschenverachtung, nicht nur Verachtung f√ľr Sexarbeiter, sondern vor allem auch Verachtung f√ľr Kunden. Das tut weh, ich wei√ü, wovon ich spreche. Aber wir k√∂nnen dieser Menschenverachtung nur begegnen, indem wir diejenigen aufkl√§ren, die noch nicht fundamentalistisch missioniert wurden, die offen f√ľr differenzierte Betrachtungen sind und die nur deshalb diese Vorurteile blind √ľbernehmen, weil Prostitution nicht Teil ihrer Lebenswirklichkeit ist.

    @Kommentor: Ich hab’s f√ľr dich erg√§nzt.

    @jabadabidoo: Zumindest wei√ü ich nicht, ob wir alles, was wir begehren undbedingt in ein und demselben Menschen suchen und finden m√ľssen. Zwischenmenschliche Beziehungen sind so facettenreich. Warum m√ľssen wir sie immer in vorgefertigte Korsagen wie “Ehe”, “Liebespaar”, “Affaire”, “Ex”, “Friend-Zone” zw√§ngen? Warum k√∂nnen wir ihnen nicht freien Lauf lassen, sich zu entfalten, sich ungezwungen zu entwickeln, ganz individuell, wie die Menschen, die an ihnen beteiligt sind?

  8. jabadabidoo
    23. April 2014 um 17:17

    @Carmen, ich glaube, dass das genau der wunde Punkt ist, warum sich so viele mit deiner Rolle und Deinen Argumente schwer tun. Du passt so √ľberhaupt nicht in ihre Denkschemata.

    Du durchbrichst ihr Rollenbild (Ware Frau, Armutsprostitution, etc.), das es so einfach macht, eine klare Meinung √ľber Prostitution zu haben und diese deshalb zu verteufeln. Bei Dir funktioniert das einfach nicht. Du bietest eine Dienstleistung an, f√ľr die es sich nicht geh√∂rt, gekauft zu werden, aber ein Markt besteht.

    Was ich bei Dir cool finde, ist die Verbindung von Intelligenz, Stil und Kinkyness. Das ist Emanzipation von den klassischen Clichés oder Rollen, von alten Rollenbildern wie der treuen Ehefrau/Liebhaberin, aber auch von modernen. Keep on fighting.

  9. Anvil
    25. April 2014 um 10:54

    @carmen: was außerhalb der kleinen Filterbubble von Huren und ihren Gästen kaum jemand wahrhaben will ist, dass der Sex im Konsens erfolgt und das die Frau bzgl. des Geschehens den Lead hat. Die Frau bietet IHREN Service, wenn der Mann etwas Anderes will, kann er das nicht erzwingen und versucht das auch nicht.

    In der √Ėffentlichkeit wird nie dargestellt, wie normal so ein Sexklub ist. Die Frauen dort sind nicht √ľbertrieben aufgetakelt, sondern junge, h√ľbsche M√§dels, die M√§nner sind meist ganz normale Typen, die sich das Vergn√ľgen leisten k√∂nnen.

    In den vielen Klubs, die ich besucht habe, wurde auch nie aggressivies oder brutales Verhalten geduldet.

    Ich denke, dass die Gesellschaft Angst hat vor der Tatsache, dass es ein Liebesleben außerhalb der monogamen Zweierbeziehung gibt.

  10. carmen
    25. April 2014 um 19:37

    @jabadabidoo: Meiner Erfahrung nach durchbrechen ganz viele Kolleg_innen das Klischee-Rollenbild. Nur trauen sich die meisten nicht, es so offen nach au√üen zu zeigen. Es sind ja mit dieser Offenheit Risiken f√ľr Leib und Leben verbunden. Jeder, der schon mal vor dem Problem eines Outings stand, kennt die damit verbundenen √Ąngste. Ich habe den Vorteil, dass ich Freunde und Familie habe, die ausreichend hinter mir stehen, als dass ich es mir leisten kann.

    @Anvil: Ja, mit dem Monogamie-Ideal sprichst du einen wichtigen Aspekt an. Aus demselben Grund gibt es in der Queer-Community bspw. Aktivisten, die die Schlie√üung von Darkrooms predigen – weil die ja dem ungehemmten Sex mit Fremden und Seitenspr√ľngen dienen. Die Angst davor ist gro√ü und dementsprechend stark ist die Abwehrhaltung.

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