Antworten auf Antje Schrupps Thesen

Die feministische Bloggerin Antje Schrupp hat einen Artikel “FĂŒnf Thesen zu Prostitution” veröffentlicht. Er ist deshalb fĂŒr mich interessant, weil sie es schafft, ihre ablehnenden Haltung mit Argumenten jenseits von “Menschenhandel” zu begrĂŒnden. Deshalb habe ich ihr mehrfach geantwortet und versucht zu zeigen, wo fĂŒr mich die Schwachstellen ihrer Argumentation liegen. Ich veröffentliche meine Kommentare hier zu Dokumentationszwecken. Lest zuerst ihren Artikel!

Kommentar vom 1. November 2013 um 12:34

Liebe Antje,

ich freue mich, dass du es als feministische “Alpha-Bloggerin” geschafft hast, einen Artikel ĂŒber freiwillige Prostitution zu schreiben, in dem du argumentierst und die Existenz freiwilliger Prostitution nicht pauschal infrage stellst. Aber, dir unterlĂ€uft ein Denkfehler, der auf einer falschen PrĂ€misse beruht (Punkt 4) und so kommst du am Ende doch wieder nur zu einem moralischen Urteil (Punkt 5), weshalb du die Prostitution ablehnst.

Das PhĂ€nomen „Prostitution“ ist nur denkbar in einer Kultur, in der Sex nicht die beiderseitige Lust aufeinander zur Voraussetzung hat, sondern einseitig denkbar ist. Es muss also als akzeptabel gelten, wenn jemand, der Sex haben will, die eigene Lust mit jemandem befriedigt, der_die keinen Sex haben will – denn eine Frau, die Sex gegen Geld eintauscht, hat ja selbst auf diesen Sex keine Lust, sondern tut es, um Geld zu verdienen.

Du gehst davon aus, dass es beim Sex zwischen Sexarbeiterin und Kunde kein von der Anbieterin ausgehendes sexuelles Begehren gÀbe, sondern allenfalls monetÀres. Du setzt voraus, dass Prostitution immer ein einseitiges sexuelles Interesse verfolgt. Warum? Warum sollte weibliche SexualitÀt nicht ebenso wild, gierig, vielfÀltig, aktiv, ordinÀr, eigen-motiviert sein, wie es der mÀnnlichen immer unterstellt wird? Glaubst du nicht, dass der Umstand, dass der Sexualpartner fremd ist und einen bezahlt, selbst sexuelle Lust auslösen kann? Ebenso wie es Lust bereiten kann, gefesselt befummelt zu werden oder Gummiklamotten anzuziehen oder nem Typen ins Gesicht zu pinkeln oder mit dem gleichen Geschlecht zu bumsen wie ein wilder Eber oder die Augen verbunden zu bekommen oder was auch immer?

Sexuelles Begehren ist wahnsinnig vielfĂ€ltig – auch das sexuelle Begehren von Frauen. (Wer wĂŒĂŸte das besser als eine Hure!) Frauen sind nicht “normalerweise” sexuell passiv, zurĂŒckhaltend, abwartend, enthaltsam oder erduldend. Und sie sind auch nicht “normalerweise” nur dann glĂŒcklich im Bett, wenn ihr Partner Prince Charming ist. Wir sollten an diesem Punkt ĂŒberhaupt nicht danach fragen, was fĂŒr Frauen normal und was unnormal ist. Wenn wir als Feministinnen anfangen, weibliche SexualitĂ€t zu normieren, haben wir schon verloren, weil wir die Rollenbilder annehmen, die uns historisch zugedacht sind.

Wenn du also behauptest, Prostitution gehe mit einem patriarchalen Weltbild einher, kannst du diese Ansicht nur aufrecht erhalten, indem du unterstellst, dass Sex etwas ist, das nur MÀnner von Frauen wollen, auf das nur MÀnner, aber nicht auch Frauen Lust haben, von dem nur MÀnner, nicht aber auch Frauen sexuell profitieren. Abgesehen davon, dass diese Annahme falsch ist, ist sie zu tiefst sexistisch! Sie arbeitet mit geschlechtlichen Rollenbildern, geht von einem typisch mÀnnlichen Begehren und einem typisch weiblichen Begehren aus und kann MÀnner und Frauen nur im Rahmen dieser Rollen denken. Das ist nicht feministisch!

Deshalb bin ich auch dagegen, den Tausch von Sex gegen Geld als „normale Arbeit“ zu labeln. „Normale Arbeit“, also der Tausch von Arbeit gegen Geld, beruht auf einem System der Arbeitsteilung. [...] Sicher ist es prinzipiell möglich, auch Sex in diesem Sinn als Ware oder als Dienstleistung verstehen. Aber ich will das nicht. Genauso wie ich der Ansicht bin, dass Sex nicht zu den „Pflichten einer Ehefrau“ gehört (auch Ehefrauen sind dem ja normalerweise freiwillig nachgekommen).

Sex ist weder die Pflicht einer Ehefrau, noch die Pflicht einer Prostituierten. Auch ein Fußpfleger ist nicht dazu verpflichtet, jedem die FĂŒĂŸe zu massieren. Wenn er bestimmte FĂŒĂŸe oder Kunden eklig oder unsympathisch findet, kann er es ablehnen, den Kunden zu bedienen oder Bedingungen aufstellen, unter denen er bereit wĂ€re, seine FĂŒĂŸe zu massieren. Eine Prostituierte kann ebenso Bedingungen aufstellen, Kunden oder bestimmte Praktiken ablehnen, wie ein Fußpfleger auch. Mit ihrer Einwilligung in die Prostitution ist keine Lizenz zur Vergewaltigung verknĂŒpft. Das wĂ€re eine absurde Annahme, die einem Viktimblaming bei Gewalt gegen Sexarbeiter TĂŒr und Tor öffnet!

Nein, ich vermute, dass der Grund dafĂŒr, dass du Sex nicht als Dienstleistung akzeptieren willst, ein anderer ist: Sex ist fĂŒr dich untrennbar mit Liebe verbunden. Sex ist fĂŒr dich konkreter Ausdruck von abstrakter Zuneigung, vielleicht auch deshalb, weil du dein eigenes Begehren nie als primĂ€r sexuelles, sondern in erster Linie als emotionales erfahren hast? Vielen Menschen geht es so und sie neigen aufgrund dieser PrĂ€gung dazu, ihre hohen AnsprĂŒche an die Liebe auf Sex zu ĂŒbertragen und Sex zu ĂŒberhöhen.

Sex ist aber nichts Heiliges. Sex ist, neben vielen anderen, eine Form der non-verbalen Kommunikation. Diese Form der Kommunikation ist nur deshalb “intimer”, weil sie in unserer Gesellschaft versteckt, allenfalls im geheimen ausgeĂŒbt wird und wir darauf geprĂ€gt sind. Aber so, wie sich nicht unbedingt jeder Mensch vor einem HĂ€ndedruck mit einem Menschen ekelt, den er nicht explizit liebt, ekelt sich eben auch nicht jeder Mensch vor Sex mit einem Menschen, den er nicht explizit liebt. Im Gegenteil, es gibt Menschen, die daraus Lust ziehen – auch Frauen.

Wenn du fĂŒr dich Sex ablehnst, wenn er nicht mit “wahrem, beiderseitigem, liebend-innigem Begehren” verbunden ist, was ich nach deinen AusfĂŒhrungen stark annehme, dann hast du genau deshalb ein moralisches Problem mit Prostitution, weil Prostitution diese Sorte von Sex auslebt. Prostitution ist die institutionalisierte Trennung von Liebe und Sex und das ist, was dir daran aufstĂ¶ĂŸt. Das ist okay, du mußt dich selbst nicht prostituieren, wenn du nicht willst, niemand zwingt dich dazu. Aber deine persönliche Einstellung, dein negatives Werturteil ĂŒber Sex ohne Liebe legitimiert weder ein Prostitutionsverbot, noch die gesellschaftliche Ächtung der Prostitution.

Liebe GrĂŒĂŸe,
Carmen (Sexarbeiterin).

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Kommentar vom 3. November 2013 um 12:23

Liebe Antje, du schriebst:

Mit einem VerstĂ€ndnis von Prostitution, das das beidseitige Begehren auf Sex in dieser Art und Weise in dieser persönlichen Konstellation und zu diesem Zeitpunkt zur Grundlage hat, hĂ€tte ich ĂŒberhaupt kein Problem, ich bezweifle aber stark, dass das ein funktionierendes GeschĂ€ftsmodell wĂ€re.

Ich denke, dass die Gruppe der Sexarbeiter_innen, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben, die Lust dabei empfinden und darin aufgehen, grĂ¶ĂŸer ist, als weithin angenommen. Ich arbeite immerhin selbst in dem Job und ich kenne einige Kolleg_innen, die Ähnliches von sich berichten und die Sexarbeit jeder anderen ErwerbstĂ€tigkeit vorziehen – und zwar nicht, weil es ihnen an Optionen oder Bildung mangeln wĂŒrde!

Aber selbst wenn ein_e Sexarbeiter_in kein sexuelles Begehren bei einem Kundenkontakt empfindet, kann es fĂŒr sie trotzdem völlig okay sein, in diesem Job zu arbeiten. Denn kein Begehren zu empfinden, heißt noch nicht gleich, Ekel oder Abneigung ĂŒberwinden zu mĂŒssen. TĂ€tigkeiten können akzeptabel genug sein, als dass wir uns vorstellen können, mit ihnen unseren Lebensunterhalt zu verdienen – auch wenn sie uns nicht explizit Lust bereiten, wir nicht explizit in ihnen aufgehen: Kellnern, Call-Centern, Kassieren, Nieren opperieren


Was fĂŒr jeden als ErwerbstĂ€tigkeit akzeptabel erscheint und was nicht, muß m.E. jedem selbst ĂŒberlassen bleiben. Wer sind wir, anderen diese Entscheidung abzunehmen und sie so ihrer MĂŒndigkeit zu berauben. Menschen haben ein Recht auf Selbstbestimmung, auch dann, wenn sie sich fĂŒr etwas entscheiden, was wir uns fĂŒr uns selbst nicht vorstellen können. Warum sollten Frauen (und Menschen anderen Geschlechts) in der Sexarbeit nicht fĂ€hig sein, diese Entscheidung fĂŒr sich zu treffen? Ich kann mir z.B. nicht vorstellen, Ärztin, Polizistin oder Berufsmusikerin zu werden, trotzdem verbiete ich das niemandem.

Prostitution, die in dieses kulturelle Trennen von Sex und Liebe den Faktor Geld einfĂŒhrt, ist nicht die Institutionalisierung der Trennung von Sex und Liebe, sondern die Kapitalisierung der Tatsache, dass in der Gesellschaft allgemein diese Trennung gerade nicht praktiziert wird.

Ja, ich bin auch generell kapitalismuskritisch. Aber eine Kapitalismuskritik, der man sich nur im Zusammenhang mit Sexarbeit erinnert, ist eine doppelbödige. Solange wir in einer kapitalistischen Gesellschaft leben und also unser Überleben davon abhĂ€ngt, dass wir fĂŒr Geld arbeiten, muß es Menschen möglich sein, ihren Lebensunterhalt auf eine fĂŒr sie akzeptable Weise zu verdienen – solange das legal ist.

Prostitution ist legal, und zwar nicht erst seit dem Prostitutionsgesetz von 2002, sondern (mit Unterbrechungen) seit den verĂ€nderten Hygienevorschriften von 1927. Illegal ist hingegen nach wie vor alles, was innnerhalb und außerhalb der Prostitution ausbeuterisch oder unfreiwillig geschieht: Nötigung, Vergewaltigung, Ausbeutung der Arbeitskraft, Menschenhandel. An zwei Menschen, die sich Kraft ihrer Wassersuppe entscheiden, Geld gegen Sex zu tauschen, sehe ich weder etwas Illegales, noch etwas Illegitimes.

Wenn Sex dir nicht heilig ist und du Prostitution nicht aus moralischen GrĂŒnden ablehnst, wie du schreibst, was ist dann an Sex dran, das dich glauben macht, du mĂŒĂŸtest ihn vor kapitalistischer Vermarktung schĂŒtzen? Was ist dieses Etwas, wenn es keine Ehrfurcht ist? Dass nicht alle Menschen sich mit ihrem Job selbstverwirklichen, ist ja kein legitimer Grund, allen Menschen die Arbeit in diesen Branchen zu verbieten. Sinnvoller fĂ€nde ich es, sich generell fĂŒr ein freieres, selbstbestimmteres, gerechteres Arbeiten in unserer (leider kapitalistischen) Gesellschaft stark zu machen.

In der Prostitutionsdebatte wird hĂ€ufig danach gefragt, ob Prostitution ein normaler Beruf sei. Was ist ein normaler Beruf? Ärztin, Profisportlerin, Soldatin, Hochspannungsleitungsinspekteurin, Lehrerin, Bischöfin? Die Feststellung, das Prostitution kein “normaler” Beruf ist, geht m.E. am Kern der Debatte völlig vorbei. Denn worum es uns Sexarbeiter_innen geht, was uns Prostitutionsgegnerinnen mit der Argumentation “BegleitkriminalitĂ€t” und “Menschenhandel” vorenthalten möchte, ist Gleichberechtigung!

Wir fordern gleiche Rechte, wie alle anderen arbeitenden Menschen auch. Wir wollen unsere GeschĂ€fte durchfĂŒhren dĂŒrfen, wo andere das auch dĂŒrfen – nicht “zum Schutze der Jugend und der öffentlichen Ordnung” durch Sperrbezirke beschrĂ€nkt werden. Wir wollen, dass fĂŒr uns die Abgabenordnung gilt, wie fĂŒr alle anderen Menschen auch – nicht Sonderbesteuerungsverfahren Ă  la DĂŒsseldorfer Verfahren. Wir wollen, dass die Polizei uns gegenĂŒber die gleichen Rechte hat, wie anderen Menschen gegenĂŒber auch – und nicht einfach anlaßlos zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Maschinengewehren in unsere RĂ€ume stĂŒrmen kann. Wir wollen, dass der Betrieb unserer ArbeitsstĂ€tten nach der Gewerbeordnung reguliert wird, nicht nach dem Dortmunder Modell. Wir wollen, dass unsere Kunden unsere Dienstleistungen nach den Regeln des Marktes kaufen können und nicht nach dem Schwedischen Modell kriminalisiert werden.

WĂ€re Prostitution als Beruf anerkannt (ob normal oder unnormal), brĂ€uchte es all diese Sonderverfahren und Modelle nicht. Prostitution wĂ€re dann nicht etwa “dereguliert”, wie Alice Schwarzer behauptet, sondern genauso reguliert wie andere Berufe auch – gleichgestellt. Das ist sie trotz LegalitĂ€t nicht und DAS ist der Kern der Debatte.

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Kommentar vom 6. November 2013 um 18:57

Liebe Antje!

[...] es ist sicherlich nur eine winzig kleine Minderheit unter den Frauen, die auf diese Weise Geld verdienen. Damit kann man imho nicht argumentieren, wenn es um eine kulturelle Bewertung von Prostitution generell geht, das Argument “Sexarbeiterinnen haben in der Regel riesigen Spaß an Sex mit ihren Kunden” ist auf der Pro-Sexarbeit-Seite das Äquivalent zum Argument “Alle Prostituierten sind Opfer und werden zu dieser TĂ€tigkeit von bösen MĂ€nnern genötigt” auf der Gegenseite.

Man kann imho auch nicht damit argumentieren, dass es gerechtfertigt sei die Prostitution zu verbieten, weil so viele Sexarbeiter_innen in ihrem Job nicht so aufgehen wie ich. Wir verbieten auch nicht die Arbeit an der Kasse im Supermarkt oder auf dem Bau oder an der Plastesortiermaschine, nur weil ein Großteil der Menschen dort “nur wegen des Geldes” arbeitet und nicht etwa aus ErfĂŒllung eines persönlichen Lebenstraums. Und was heißt ĂŒberhaupt “Mehrheit”? Generell ist es problematisch, in der Prostitutionsdebatte mit Zahlen zu argumentieren. Denn es gibt keine empirischen Studien dazu. Wir wissen ĂŒberhaupt nicht, wieviele Menschen dauerhaft oder kurzzeitig in der Prostitution arbeiten.

90% Zwangsprostituierte? Es gibt dafĂŒr keine Belege! Du glaubst mir nicht, wenn ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen und Kontakte innerhalb der Prostitution sage, die Mehrheit arbeite freiwillig. Okay. Aber auf welcher Grundlage glaubst du dir selbst, wenn du behauptest, dass die Minderheit Spaß an dem Job hat? Wieviele Huren kennst du denn persönlich? Fakt ist, alle Sexarbeiter_innen, die ich kenne, wollen einfach in Ruhe, legal und ohne Schikane arbeiten, freiwillig – Spaß hin oder her!

Ich behaupte nĂ€mlich gar nicht, dass Sexdienstleister_innen in der Regel riesigen Spaß an ihrem Job haben. Sondern ich spreche mich dafĂŒr aus, dass auch die, die nicht unbedingt Spaß an ihrem Job haben, ihn aber fĂŒr sich als okay empfinden, ein Recht auf Rechte, auf saubere und sichere Arbeitsbedingungen, ein Recht auf gerechten Lohn, ein Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft, ein Recht auf Akzeptanz und Respekt, ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, ein Recht auf legalen Status haben. Man erweist uns Sexworkern – egal ob wir auf der Straße arbeiten, im Bordell, im Studio, im Sternehotel, im Club oder vor der Kamera – keinen Dienst, wenn man Prostitution oder den Kauf sexueller Dienstleistungen verbietet. Es geht uns als gesellschaftlich GeĂ€chtete in der IllegalitĂ€t ohne Verdienstmöglichkeiten nicht besser, im Gegenteil.

Das Argument, Prostitution sei ein “normaler” Beruf kommt ja nicht von mir, sondern von der Pro-Sexarbeit-Fraktion.

Nein, nein, das siehst du ganz falsch. Das Argument kommt nicht von uns Sexworkern. Es ist vielmehr so, dass Prostitutionsgegner_innen uns unstellen, wir wĂŒrden behaupten, Prostitution sei ein “normaler” Beruf. Das tun sie, um unsere Position zu delegitimieren, weil ja wohl jeder “normale” Mensch sofort sehen könne, dass das kein “normaler” Beruf sei. Unsere Position zur Frage der “NormalitĂ€t” ist Enthaltsamkeit. Wir fragen nicht danach wie “normal” ein Beruf ist, wenn wir fĂŒr unsere Existenzrechte kĂ€mpfen. Wir fragen ja auch nicht nach der “NormalitĂ€t” von HomosexualitĂ€t, wenn es um die Frage geht, ob das verboten sein sollte oder nicht.

Unser Argument geht so: Dass Prostitution von der Mehrheit der Gesellschaft nicht als “normaler” Beruf anerkannt wird, hat historisch-kulturelle GrĂŒnde und hĂ€ngt in erster Linie mit der Jahrhunderte alten Tabuisierung der SexualitĂ€t und der traditionellen Entrechtung Prostituierter zusammen. Aber selbst wenn Prostitution noch nicht als “normaler” Beruf anerkannt ist, ist das kein Grund dafĂŒr, dass er anderen Berufen rechtlich nicht gleichgestellt ist. Denn erst durch eine rechtliche Gleichstellung mit anderen Berufen (die noch immer unerreicht ist und die es nie gab) könnte sich zeigen, ob Prostitution nicht irgendwann ein als “normal” betrachteter Beruf werden könnte. Diejenigen, die uns gleiche Rechte verwehren, tun das nicht, weil Prostitution kein “normaler” Beruf ist, sondern weil sie möchten, dass es kein “normaler” Beruf bleibt. Logisch, alles was rechtlich sonderbehandelt wird, gilt als nicht “normal”. Auch Schwul-Sein gilt heute noch nicht ĂŒberall als “normal”. Und es gab Zeiten, da galt es als nicht “normal”, dass Frauen wĂ€hlen durften.

Ich will, dass Sex etwas ist, das zwei (oder mehr) Menschen gemeinsam machen und nicht, was die einen fĂŒr die anderen machen – was aber die Grundlage von Arbeitsteilung und Erwerbsarbeit ist.

Auch du willst nicht, dass sexuelle Dienstleistungen als eine von vielen “normalen” Formen der sexuellen und/oder beruflichen BetĂ€tigung anerkannt wird. Du möchtest nicht, dass wir gleiche Rechte genießen. Aber ist “ich will das nicht” ein legitime BegrĂŒndung dafĂŒr, Menschen in ihrer sexuellen und sonstigen Selbstbestimmung einzuschrĂ€nken? Es gibt auch Menschen, die wollen nicht, dass Schwule Kinder adoptieren dĂŒrfen und trotzdem ist es richtig, dafĂŒr zu kĂ€mpfen, dass das generell erlaubt sei.

Warum darf Fensterputzen, Massieren, Burgerbraten, ZehnĂ€gellackieren, Musizieren, Opperieren oder Ghostwriten Grundlage von Arbeitsteilung sein, aber nicht sexuelle Befriedigung? Warum nicht Sex? “Ich will das nicht” ist doch keine BegrĂŒndung! Es muß doch einen rationalen Grund dafĂŒr geben oder treibt dich nur eine irrationale Angst vor der sexuellen Enthemmtheit unserer Gesellschaft? Was ist schlimm am Angebot sexueller Dienstleistungen? Solange niemand dich zwingt, das zu tun oder in Anspruch zu nehmen, solange niemand deine sexuelle Selbstbestimmung einschrĂ€nkt – was kĂŒmmert es dich!?

Das bezweifle ich auch nicht, aber es ist genau dieses neoliberale “Freiheits”-Argument, wonach die Freiwilligkeit individueller Entscheidungen gleichgesetzt werden mit “ist doch völlig okay”. [...] Und das Thema betrifft nicht nur die Beteiligten, sondern auch mich, zum Beispiel wenn ich mich im öffentlichen Raum mit Bordellwerbung [...] konfrontiert sehe.

Ich halte die individuelle Freiheit jedes Einzelnen fĂŒr ein sehr hohes Gut und sehe keinen Grund sie unnötig einzuschrĂ€nken, solange die individuelle Freiheit anderer dadurch nicht ernsthaft bedroht ist. Was ist denn nicht okay daran, dass ich fĂŒr mich entscheide, das mit der Prostitution tun zu wollen? Der einzige Punkt, an dem du deine persönliche Betroffenheit als Argument ausspielen kannst, ist der der öffentlichen Werbung. Ich verstehe, dass dir obszöne Bordellwerbung oder sexualisierte Darstellungen von Frauen unangenehm aufstoßen. Das geht mir auch hĂ€ufig so.

Aber, nach §119 OWiG ist es bereits jetzt ordnungswidrig, öffentlich fĂŒr sexuelle Dienstleistungen zu werben, wenn dies a) “geeignet ist, andere zu belĂ€stigen” oder b) “in grob anstĂ¶ĂŸiger Weise” geschieht. Selbst wenn du diese Ordnungswidrigkeit in ein Verbot umwandelst und niemand mehr fĂŒr Sexdienstleistungen wirbt, wirst du dich immer noch von Axe-Werbung oder Passionata-Werbung oder Ă€hnlicher, maskuline Phantasien spiegelnder Plakatierung im öffentlichen Raum belĂ€stigt fĂŒhlen.

Dass die Stadt derart mit “Idealfrauen” gepflastert ist und wir Feministinnen uns durch eine Flut sexistischer Darstellungen zu Recht oft angegriffen fĂŒhlen, kann man also schwerlich allein der Existenz legaler Prostitution anlasten. Es macht demzufolge aber auch keinen Sinn, dieses PhĂ€nomen allein in Bezug auf Prostitution zu bekĂ€mpfen. KlĂŒger erscheint es mir, der Werbebranche ins Gewissen zu reden und fĂŒr einen nicht-diskriminierenden Umgang mit menschlicher SexualitĂ€t im öffentlichen Raum einzutreten.

Aber die rechtliche Diskriminierung von Prostituierten zu akzeptieren oder sogar gutzuheißen, weil nicht alle in ihrem Job aufgehen, weil du das eben nicht willst, dass Sex Gegenstand von Arbeitsteilung ist und weil du dich von Bordellwerbung persönlich belĂ€stigt fĂŒhlst. Das ist dein Grund dafĂŒr, unsere Freiheit einzuschrĂ€nken!?

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14 Kommentare zu “Antworten auf Antje Schrupps Thesen”

  1. SunTsu
    3. November 2013 um 13:55

    Wenn es verboten werden soll Menschen mit Sex gegen Geld Freude zu bereiten muss erstrecht verboten werden Menschen gegen Geld zu töten. Warum wird der Beruf des Soldaten nicht infrage gestellt? Meiner Meinung nach ist dessen TÀtigkeit moralisch viel verwerflicher als die Prostitution.

  2. ulf_der_freak
    3. November 2013 um 14:06

    Ich finde ja, ziemlich viele von Frau Schrupps Argumenten könnte man auch prima auf Kunst anwenden. Und noch mehr auf die Politik.

  3. Sascha
    3. November 2013 um 14:36

    Ein guter Text der mMn. aber etwas an der Kritik von Frau Schrupp vorbei geht.

    Neben der Frage ob Sexuelle Dienstleistungen verkÀuflich sein sollten beschÀftigt sie sich mMn. vor allem mit den normativen Aspekten / Gefahren von Prostitution / Sexarbeit.

    Sie befĂŒrchtet, soweit ich das verstanden habe, Prostitution könne den Glaube verstĂ€rken, dass Mann sich Sex holen kann wann er möchte und er nicht auf die BedĂŒrfnisse anderer Menschen ( = meist Frauen ) RĂŒcksicht nehmen muss. Ich glaube in den Kommentaren erwĂ€hnte sie, dass sie sich vor allem an der Einseitigkeit sexueller Interaktion stört und sie annimmt, dass Prostitution diese verstĂ€rkt. Sollte dies so sein und Prostitution tatsĂ€chlich einen gesellschaftlichen Missstand bekrĂ€ftigen, so ist es durchaus legitim ĂŒber ein Verbot nachzudenken ( auch wenn Frau Schrupp selbst das vielleicht ablehnt ). Es gibt in unserer Gesellschaft eine Menge Ge- / Verbote welche die individuelle Freiheit einschrĂ€nken zum ( angeblichen ) Wohl der Gesamtgesellschaft: Straßenverkehrsregeln, Drogenverbote, Selbstmord, Leugnung des Holocaust etc.

    Ich halte es deshalb fĂŒr wichtig, bei der Verteidigung der Prostitution den Aspekt der VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit zu beleuchten. Welche Konsequenzen hat ein Verbot fĂŒr das Leben von Sexarbeitern. Stimmen die durch BefĂŒrworter genannten Annahmen ĂŒber die positiven Auswirkungen eines Verbotes? Ist es wirklich so, dass Prostitution das MachtgefĂ€lle zwischen MĂ€nnern und Frauen verstĂ€rkt bzw. legitimiert? Oder wĂŒrde nicht gerade eine geregelte und gesellschaftlich akzeptierte Form der Prostitution GEGEN diese MachtgefĂ€lle arbeiten?

    Zumindest fĂŒr mich sind das die GrĂŒnde, warum ich ein Verbot ablehne. Viele angeblichen Vorteile eines Verbotes lassen sich auch durch bessere Regulierung und bessere Anwendung bestehender Gesetze erreichen ( Menschenhandel, Vergewaltigung, … ). Und bei anderen, wie der von Frau Schrupp genannten Problematik einseitiger sexueller Interaktionen und der Legitimierung sexueller “Ausbeutung” halte ich ein Verbot fĂŒr zu wenig effektiv, möglicherweise sogar fĂŒr schĂ€dlich, und sehe auch hier keine Rechtfertigung fĂŒr massive EinschrĂ€nkung der Berufsfreiheit die ein Verbot darstellt.

    Sich aber allein darauf zu berufen, dass es der Gesellschaft nicht zusteht, das Recht auf Freie AusĂŒbung eines Berufes einzuschrĂ€nken, greift meiner Meinung nach zu kurz, weil wir eben an vielen anderen stellen noch viel stĂ€rker in individuelle Freiheiten eingreifen.

  4. carmen
    3. November 2013 um 21:47

    Sie befĂŒrchtet, soweit ich das verstanden habe, Prostitution könne den Glaube verstĂ€rken, dass Mann sich Sex holen kann wann er möchte und er nicht auf die BedĂŒrfnisse anderer Menschen ( = meist Frauen ) RĂŒcksicht nehmen muss.

    Entschuldigung, aber ein Mensch, der meint, er könne an einem Menschen jederzeit seine Lust befriedigen, egal ob dieser einwilligt oder nicht, ist ein Idiot – und zwar völlig unabhĂ€ngig von Prostitution und unabhĂ€ngig vom Geschlecht.

    $MĂ€nner sind durchaus in der Lage zu reflektieren, zu abstrahieren und zu relativieren. Es ist nicht in Stein gemeißelt, dass Menschen aufgrund ihres mĂ€nnlichen Geschlechts habituelle Idioten sind – das ist eine hoch-sexistische Unterstellung! Als Mann wĂ€re ich beleidigt, wenn man mir aufgrund meines Geschlechts solche generelle Merkbefreiung unterstellen wĂŒrde.

    Wir mĂŒssen die Prostitution nicht verbieten, damit MĂ€nner endlich begreifen, dass die Regeln der sexuellen Selbstbestimmung universal, immer und ĂŒberall und auch innerhalb der Prostitution gelten. Wir verbieten schließlich auch keine kurzen Röcke, damit MĂ€nner endlich begreifen, dass ein kurzer Rock keine Aufforderung zur Vergewaltigung ist.

    Prostitution ist nicht Schuld daran, dass Menschen zu Vergewaltigern werden und deswegen gibt es keinen Grund, sie zum Zwecke der “Erziehung des Mannes” zu verbieten. Das ist einfach sexistischer Bullshit. Und, nein, ich glaube auch nicht, dass das Antje Schrupps Meinung entspricht.

  5. Sascha
    4. November 2013 um 09:39

    Liebe Carmen,
    vermutlich habe ich mich falsch ausgedrĂŒckt.

    Auch ich denke nicht, dass Antje Schrupp jedem $Mann unterstellt, ein Vergewaltiger zu sein oder dass Prostitution $MĂ€nner zu Vergewaltigern erzieht. Aber ich habe ihre ( und denke es ist eine im Feminismus oft vertretene ) Position so verstanden:

    Es gibt eine Mehrheit von Menschen, die es fĂŒr akzeptabel hĂ€lt, dass sich $Mann Sex durch die AusĂŒbung von $Gewalt holen kann. $Gewalt ist ( und war ) selten echte physische Gewalt sondern kam in Formen wie Ehepflicht oder Angst des Berufsverlustes und wĂ€re dann heute “finanzielle” $Gewalt. $Gewalt ist in diesem Sinne also das AusĂŒben verschiedener Formen von $Macht.

    Dabei verstehe ich diese Position nicht als eine pauschale Unterstellung jeder Mann wĂŒrde so denken und bin deshalb auch nicht beleidigt. Viel mehr verstehe ich es eben so, dass im Status Quo MĂ€nner die so denken verteidigt werden, deren Haltung gesellschaftlich akzeptiert bzw. nicht genĂŒgend geĂ€chtet werden.

    Das ist zumindest meine Interpretation dieser Antwort von Antje Schrupp auf die Frage warum Sex soviel “so viel besonderes als irgendeine andere Dienstleistung” sei:

    “Ja, weil ich Sex eben nicht als “Dienstleistung” verstehen möchte. Das hĂ€ngt natĂŒrlich auch mit unserem patriarchalen kulturellen Erbe zusammen, wo wir eine lange Tradition haben, in der das weibliche Begehren fĂŒr Sex keine Rolle spielen sollte, sondern der weibliche Part in einer solchen Dienstleistung gesehen wurde, also Sex als eheliche Pflicht, das Recht von Herren, mit DienstmĂ€dchen oder Sklavinnen zu schlafen, egal ob die das auch wollten (auch das lief nicht immer ohne “Consent” oder unter Gewaltanwendung ab), die Mediziner-Phantasie, wonach Frauenkörper ungeeignet sind, um sexuelle Lust zu empfinden usw.usf. Erst die Frauenbewegung hat das weibliche Begehren in diese Gleichung eingefĂŒhrt und darauf bestanden, dass fĂŒr Sex die Lust der Frau auf diesen Sex (in dieser Form mit dieser Person zu diesem Zeitpunkt) eine unverzichtbare Voraussetzung sein sollte. Eine Normalisierung von “Sex gegen Geld” geht wieder hinter diese Idee zurĂŒck und aktualisiert die alte “Beim Sex haben Frauen die WĂŒnsche von MĂ€nnern zu erfĂŒllen”-Vorstellung, nur eben heute nicht mehr in der feudalistischen oder patriarchalen Variante, sondern in der kapitalistisch-neoliberalen.”

    Aber klar, möglicherweise verstehe ich das auch falsch und vielleicht kann Antje das auch nochmal klarer stellen. Aber wie auch immer dieser Absatz zu deuten ist, ich halte die darin geĂ€ußerte Position fĂŒr DEN zentralen Punkt der “5 Thesen”.

    Liebe GrĂŒĂŸe und einen schönen Wochenstart,
    Sascha

  6. Max
    4. November 2013 um 11:53

    Guter Artikel und die richtige Antwort auf den verlinkten Text.

    Was ich noch anmerken möchte: ich finde es einen seltsamen und naiven Gedanken, davon auszugehen, dass Sex in Beziehungen immer von beiden Partnern gleich gewollt wird.

  7. Aurelie
    6. November 2013 um 12:48

    Liebe Carmen,

    ich kann deine Argumentation nachvollziehen. Selbst wenn es fĂŒr mich etwas befremdlich ist, da ich mir (momentan) nicht vorstellen könnte, als Sexworkerin zu arbeiten. Aber okay. Umgekehrt könntest du dir vielleicht auch nicht vorstellen, in meinem Job zu arbeiten.

    Du gehst allerdings bei deiner Argumentation davon aus, dass alle Sexworker unter denselben Bedingungen arbeiten (können) wie du. Du ĂŒbertrĂ€gst unbewusst deine Einstellung zur Arbeit auf alle anderen, die in dem Beruf arbeiten. (Zumindest liest sich dein Text so. Korrigiere mich gerne.) Damit begehst du einen Ă€hnlichen Denkfehler wie Frau Schwarzer. Sie sieht nur die ausbeuterische Seite der Prostitution, du siehst nur die idealtypische Seite der Prostitution (nĂ€mlich deine).

    Die Wahrheit liegt m.M.n. aber irgendwo dazwischen. Mit einem Verbot werden wir Sexworkerinnen wie dir nicht gerecht, mit einer totalen Liberalisierung erleichtern wir ZuhĂ€ltern und MenschenhĂ€ndlern die “Arbeit” ein wenig.

    Trotzdem möchte ich (nochmal) erwĂ€hnen, dass ich dein Engagement mutig und gut finde. Vielleicht fĂŒhrt das zukĂŒnftig dazu, dass sich mehr Sexworkerinnen fĂŒr faire Arbeitsbedingungen einsetzen und das GeschĂ€ft mehr aus der Schmuddeligkeit herausholen. Denn diese beiden Anliegen kann ich voll und ganz unterstĂŒtzen.

  8. carmen
    6. November 2013 um 17:04

    Du gehst allerdings bei deiner Argumentation davon aus, dass alle Sexworker unter denselben Bedingungen arbeiten (können) wie du.

    Nein, ich bin mir meiner Privilegien durchaus bewußt. Meine Privilegien sind der Grund dafĂŒr, dass ich mich ĂŒberhaupt politisch engagieren und fĂŒr die Rechte von Prostituierten stark machen kann. Ich sehe mich in der Verantwortung, meine Ressourcen zum Wohle unseres Berufsstandes einzusetzen, weil ich weiß, wieviele Kolleg_innen das wollen wĂŒrden, aber nicht tun können – weil sie sich nicht outen wollen, weil es ihnen an Selbstbewußtsein mangelt, weil sie durch die Erfahrung gesellschaftlicher Ächtung einfach Angst haben, das Wort zu ergreifen, weil sie die Gesetzestexte nicht verstehen oder der deutschen Sprache nicht mĂ€chtig sind, weil sie kein Geld und also auch keine Zeit fĂŒr etwas Anderes als das Geldverdienen haben, etc. pp.

    Es gibt viele GrĂŒnde dafĂŒr, dass es immer nur wenige Huren sind, die fĂŒr die Rechte von Prostituierten aufstehen. Ich kenne aber auch keine aktive Hure, die sich fĂŒr eine Entrechtung oder Kriminalisierung stark machen wĂŒrde. Weltweit kĂ€mpfen ProstituiertenverbĂ€nde fĂŒr die Entkriminalisierung und die berufliche Anerkennung von Prostitution. Weltweit! Es sind ĂŒberall dieselben Forderungen! Achtet uns! Sprecht mit uns! Fragt uns! Macht uns die Arbeit nicht so unnötig schwer! [Link] Nur weil ein Großteil der Prostituierten zu politischen Fragen schweigt, heißt das noch lange nicht, dass sie ihrer Kriminalisierung zustimmen oder dass die, die das Wort ergreifen, nur fĂŒr “bessergestellte” Huren sprĂ€chen.

    Der Grund dafĂŒr, dass ich die Situation – arbeitet freiwillig – in meinen Texten immer wieder betone, ist der, dass unsere Existenz angezweifelt und geleugnet wird. Man sagt mir: Ja, du arbeitest vielleicht freiwillig, aber all die anderen… Das ist einfach falsch. Ich kenne keine einzige Hure, die unfreiwillig arbeitet, auch die Straßenprostituierte, auch die bulgarische Prostituierte arbeitet nicht unfreiwillig. Sie arbeiten vielleicht nicht mit so viel Spaß und Selbstverwirklichung wie ich. Aber auch sie wĂŒnschen sich, einfach in Ruhe arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Es ist doppelbödig, dass man ihnen das mit der BegrĂŒndung mangelnden Spaßes oder geringen Einkommens verbieten will, denn in keinem anderen Arbeitsbereich wird so argumentiert!

    NatĂŒrlich sind die Arbeitsbedingungen einiger Kolleg_innen beschissen. Aber haben die kein Recht auf Rechte, kein Recht auf Anerkennung, auf gerechten Lohn, auf saubere und sichere ArbeitsplĂ€tze, auf gewaltfreies, selbstbestimmtes Arbeiten, auf einen legalen Status? Gerade fĂŒr diese Menschen ist es wichtig, das Stigma der Prostitution abzubauen, Raum fĂŒr legalen GeschĂ€ftsbetrieb zu schaffen. Denn es ist doch völlig logisch, dass wenn die Rechte von Sexarbeitern beschnitten und eingeschrĂ€nkt werden, wenn ihre Betriebe mit strengsten Auflagen und Vorschriften (Passierschein A38) bedacht werden, dass dann das selbstbestimmte Arbeiten schwieriger wird. Wer kann denn ernsthaft daran glauben, dass mehr Fremdbestimmung zu selbstbestimmteren Arbeiten fĂŒhren wĂŒrde!?

    Und wie sollte ein Verbot der Prostitution oder des Kaufs sexueller Dienstleistungen Sexworkern in prekĂ€ren Situationen helfen? Geht es ihnen etwa besser, wenn ihre sicheren ArbeitsplĂ€tze geschlossen werden und sie auf dunkle Straßen ohne Schutz ausweichen mĂŒssen, wenn sie fĂŒnfstellige Summen zahlen mĂŒssen, weil sie im Sperrbezirk angeschafft haben, wenn sie Vorstrafen kassieren, weil sie gegen diese oder jene absurde Regel verstoßen haben, wenn sie sich an Mittler wenden mĂŒssen, denen sie Provisionen zahlen mĂŒssen, um an Kundschaft zu kommen, wenn sie auf legale Weise gar kein Geld mehr verdienen können und deswegen ihre Wohnung verlieren, wenn ihre Kinder auf dem Schulhof als Hurensöhne beshcimpft und gemobbt werden, wenn sie als GeĂ€chtete und Gebrandmarkte am Rande der Gesellschaft leben mĂŒssen und schon deshalb in keinem anderen Beruf mehr Fuß fassen? Keinem Menschen geht es in der IllegalitĂ€t besser. Im Gegenteil, solche Politik erzeugt nur noch mehr Not!

  9. carmen
    6. November 2013 um 17:38

    Viel mehr verstehe ich es eben so, dass im Status Quo MĂ€nner die so denken verteidigt werden, deren Haltung gesellschaftlich akzeptiert bzw. nicht genĂŒgend geĂ€chtet werden.

    Aber genau dem widerspreche ich: Die Existenz legaler Prostitution legitimiert nicht die Idee, dass MĂ€nner ein jederzeitiges Recht auf Sex hĂ€tten! Es ist nicht Schuld der Prostitution, dass einige bekloppte Menschen glauben, MĂ€nner hĂ€tten ein jederzeitiges Recht auf Sex. Genauso wie die Existenz kurzer Röcke oder promiskuitiver Frauen nicht der Grund dafĂŒr ist, dass einige Typen Idioten sind.

    Wenn wir wollen, dass Menschen aufhören, die sexuelle Selbstbestimmung zu mißachten, dann mĂŒssen wir aufhören, die sexuelle Selbstbestimmung an jeder Ecke durch sexuelle Tabus zu beschneiden, zu delegitimieren, einzuschrĂ€nken, zu moralisieren oder zu viktimblamieren. Heißt, wenn wir die Idee, dass auch eine Hure ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung hat, mehr propagieren wĂŒrden, kĂ€me auch niemand mehr auf die bescheuerte Idee zu glauben, er könne von einer Hure jederzeit ungefragt Sex nach seinem Gusto haben oder Prostitution sei der Inbegriff fĂŒr die gesellschaftliche Akzeptanz sexueller Fremdbestimmung.

    Sexuelle Fremdbestimmung und Prostitution stehen in keinem kausalen Zusammenhang, sie bedingen einander nicht!

  10. Robo
    6. November 2013 um 23:16

    Ich muss zu dieser diskussion und ganz allgemein mal etliches loswerden. zunĂ€chst einmal einen großen dank an dich Carmen fĂŒr das betreiben dieses Blogs, fĂŒr das mit-grĂŒnden des berufsverbands und fĂŒr das engagement das du an den tag legst.

    ganz allgemein:
    Ich bin extrem positiv ĂŒberrascht wie fruchtbar diese diskussion in den blogs fĂŒr mich selbst als schnöden leser doch ist. man realisiert die eigene position und wird von manchen argumenten (mindestens) zum nachdenken angeregt. das geht anderen kommentatoren wohl auch so. es fĂŒhlt sich irgendwie nach einem diskurs an, der sich entwickelt. find ich super. gab es meiner meinung nach so noch nicht auf dem thema, ist höchste zeit mit ein paar tabus krĂ€ftig aufzurĂ€umen und unaufgeregt ĂŒber Sexwork zu reden.

    UND ich bin extrem negativ ĂŒberrascht (wieder mal) wie unfassbar unreflektiert das thema ausserhalb der blogosphĂ€re behandelt wird! nicht erst durch den emma-appell. die spiegel berichterstattung ĂŒber Prostitution und deine replik auf den umgang mit deiner person findet mE nach in der art und weise genau wieder so statt. als ob sich journalisten einfach nicht rational mit themen auseinander setzen können. da werden Ă€ngste geschĂŒrt, diffus angedeutet und alles natĂŒrlich um die gesellschaft vermeintlich “aufzuklĂ€ren” und liest man von Journalisten dass “ausgewogenheit ja langweilig” ist. unfassbar. un-fass-bar.

    im besonderen:
    mir fĂ€llt auf das viele, auch antje schrupp, sehr sehr gerne ihre persönliche sichtweise auf sexualitĂ€t als “so muss es sein” darstellen (Punkt 4 bei antje). ich denke das rĂŒhrt schlicht aus verunsicherung. wer nicht verschiedene spielarten der sexualitĂ€t erlebt hat, fĂŒhlt sich schnell im eigenen weltbild angegriffen und reagiert aus angst mit abwertung von allem was nicht ins eigene bild passt. als hilfskonstruktion kommen dann argumente wie “festigt die patriarchale struktur”, dieses argument ist dann im weltbild der person die es bringt konsistent und schlĂŒssig woraus dann ein endloser diskurs mit wenig mehrwert entsteht. man diskutiert also letztendlich weltbilder und nicht so sehr fakten zur prostitution. das problem dabei ist das viele menschen anscheinend, auch das ist fĂŒr mich eine interessante erkenntnis!, ziemlich enge und feste weltbilder haben und sich ungern bewegen um sich mal umzuschauen. dies ist natĂŒrlich kraftraubend und umso frustierender je meher man sieht das diese diskussion wohl nur in der blogosphĂ€re so gefĂŒhrt wird wie man es sich vom rest der gesellschaft wĂŒnschen wĂŒrde.
    in antwort3 an Antje wirst du deshalb schon recht deutlich und machst fĂŒr mich eindeutig klar das eine persönliche sichtweise natĂŒrlich berechtigt ist, aber eben auch NUR EINE meinung ist und man diese EINE MEINUNG, auch wenns sie alle hĂ€tten!, vielleicht wenigstens versuchen sollte genauer zu begrĂŒnden. ich finde es schon wichtig das man auf solche meinungen eingeht! aber wie in deinem letzten blogbeitrag eine leserin meinte “geht gar nicht!” ohne diese ablehnung mit argumenten zu begrĂŒnden, so bin ich der meinung das “so sollte sexualitĂ€t nicht sein!” schon Ă€hnlich anmaßend ist.

    ach und ruhig mut zu komplexeren modellen. die diskussion ging ja manchmal drum um jetzt sex gegen sex getauscht wird oder sex gegen geld. warum kann das nicht noch multidimensionaler sein?! tauschen nicht vielleicht menschen sex UND x gegen sex UND y ?! jetzt kann x und y sein: geld, verfĂŒgbarkeit, liebe, versorgungssicherheit, gute gene, kinderwunsch, streicheleinheiten etc..

    nur indem wir drĂŒber reden können wir die komplexitĂ€t der sexualitĂ€t umreissen und ĂŒber sexualitĂ€t reden scheint ja immernoch schwierig zu sein. gut das es diesen blog hier(und ander) gibt!

  11. Gast
    21. November 2013 um 18:42

    Super Diskussion/Argumentation.

    Was ich nicht verstehe … warum setzen sich die VerbĂ€nde der BeschĂ€ftigten und z.B. die Polizei nicht an einen Tisch und verhandeln?

    Alle Beteiligten wissen um die Probleme der Branche und man kann ĂŒber eine Ausgestaltung von “Maßnahmen” diskutieren.
    Alles ist sicher nicht schön, aber sicher auch nicht so schwarz wie vielfach dargestellt.

    “Praktische Ergebnisse” – ideologisierte, moralisierende etc. draußen.

    Das wird Euch, aber auch den “OrdnungshĂŒtern” helfen.

    Ihr wißt um die “AuswĂŒchse” sprich: Zwangsprositution usw.
    um diesen Fakt (was Ihr ja auch nicht bestreitet) und dem könnte auch durch “ZugestĂ€ndnisse” eurerseits evtl. begegnet werden. Ohne das gleich ein riesen Aufschrei wegen irgendwas erfolgt. Ihr sitzt am Tisch und verhandelt.
    Ernstgenommen. Doch leider zeigt sich auch, es ist wohl keine Branche wie jede andere, oder?

  12. carmen
    21. November 2013 um 23:50

    Es gibt diverse “Runde Tische”, wo Sozialarbeiterinnen, Beamtentum, Polizei und inzwischen sogar vereinzelt Sexarbeiter zusammensitzen und sich besprechen. Aber die Ergebnisse dieser “Runden Tische” werden von den politischen EntscheidungstrĂ€gern weitestgehend ignoriert.

    Das VerhĂ€ltnis von Prostituierten zur Polizei ist aber auch alles andere als ein auf gegenseitigem Vertrauen basierendes: Polizisten haben das Recht, ProstitutionsstĂ€tten zu jeder Tages- und Nachtzeit anlaßlos zu durchsuchen und davon machen sie auch reichlich Gebrauch. Plötzlich stehen sie mit Maschinengewehren vor dir, holen dich nackend aus der Dusche oder dem Zimmer, auf dem du gerade bist, reihen dich auf, durchsuchen dich, schubsen dich rum, schreien dich an und sperren dich am Ende vielleicht sogar ein, weil du gegen irgendeine Sonderregel verstoßen hast – alles zu deinem Schutz, versteht sich. FĂŒr die meisten Prostituierten ist die Polizei nicht Freund und Helfer, sondern GewaltausĂŒbende. Das ermutigt nicht gerade, sich mit ihr zusammenzusetzen oder Kompromisse einzugehen. Wir sind nicht auf Augenhöhe mit der Polizei, sondern rechtlich weit unterlegen, was dazu fĂŒhrt, dass wir nicht mit Respekt behandelt werden. Wir haben hier Ă€hnlich negative Erfahrungen gemacht, wie die frĂŒhe Schwulenbewegung.

    Außerdem ist auch die Polizei nicht der richtige Ansprechpartner, wenn es darum geht, Politik zu machen. Gesetze werden in unserem Land, zum GlĂŒck, nicht von der Polizei gemacht, sondern von den Parlamentariern, bzw. den Ministerien. Die Ministerien brauchen Ansprechpartner und wenden sich an Lobbyisten. Die Polizei ist eine solche Lobby, nĂ€mlich diejenige, die mehr Rechte und mehr Geld im Kampf gegen Menschenhandel fordert, was in den meisten FĂ€llen mit weiteren EinschrĂ€nkungen unserer Rechte als Sexarbeiter und BĂŒrger einhergeht.

    Eine Lobby fĂŒr freiberufliche Huren war bisher hingegen kaum greifbar – eher sind es Sozialarbeiter-VerbĂ€nde, die als Experten befragt werden, nicht wir. Es gab immer wieder Versuche von uns Huren, uns zu organisieren, es gab vereinzelte KĂ€mpfer_innen fĂŒr unsere Rechte. Aber durch das auf uns liegende Stigma und das damit verbundene Risiko des Outings, gab es nie besonders viele, die öffentlich als Sexarbeiter_innen aufgetreten wĂ€ren. Viele verstecken sich, fĂŒhren ein Doppelleben. Die meisten haben einfach andere Probleme und keine Zeit oder Muße, sich auch noch mit Politik auseinanderzusetzen.

    Unser neu-gegrĂŒndeter Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen ist der Versuch, uns Verstreute zusammen zu bringen und endlich mit einer Stimme zu sprechen, zu zeigen, dass wir nicht “marginal” sind, sondern angehört werden wollen, fĂŒr uns sprechen können. Wir möchten den Ministerien und Politikern Ansprechpartner sein, damit sie uns fragen. Bisher werden wir nicht gefragt, bzw. nicht gehört. Ich hoffe, das Ă€ndert sich, aber es kostet uns viel Kraft.

  13. Gast
    22. November 2013 um 02:04

    Danke, fĂŒr die umfassende Antwort. Aber leider kommt man um runde Tische auch auf regionaler Ebene nicht drumrum.

    Wenn ihr eine Lobby endlich aufbauen könnt, klasse.

    Aber die Polizisten, welche euch “heimsuchen”, das muss auf anderer Ebene besprochen werden. Dein Argument mit “Hinterinteressen” kann ich auch nachvollziehen. Aber was im Moment hier ankommt: Polizei hat keine Handhabe.

    (Ironie) Aber man kann ja auch den “Kampf” gegen Menschenhandel im Einzelfall zur Drogen-/Terrorrazzia umdeklarieren, um in der Pause eine nackte Hure aus der Dusche zu ziehen. (I / off)

    Aber ich denke Orte und Personen (legal frw. arbeitend)
    sind bekannt und dann ist es WillkĂŒr.

  14. carmen
    26. November 2013 um 23:33

    Dass die Polizei keine Handhabe hĂ€tte ist ein AmmenmĂ€rchen. Die Polizei hat gegen Prostituierte mehr Handhabe als die meisten anderen BĂŒrger. Da gibt es:

    • § 104 (2) StPO [unbeschrĂ€nkte Durchsuchung von ProstitutionsstĂ€tten]
    • § 21 (2) ASOG (= Berliner Polizeigesetz) [IdentitĂ€tsfeststellung]
    • analog in den Polizeigesetzen der LĂ€nder: Bayern, Hessen, Meck-Pomm, ThĂŒringen, Ba-WĂŒ, Rheinland-Pfalz und Sachsen
    • § 36 (4) ASOG (= Berliner Polizeigesetz)[Wohnungsdurchsuchung]
    • analog in den Polizeigesetzen der LĂ€nder: Bayern, Hessen, Meck-Pomm, ThĂŒringen, Brandenburg, NRW und Schleswig-Holstein
    • § 177 StGB [Vergewaltigung, sexuelle Nötigung]
    • § 180a StGB [Ausbeutung von Prostituierten]
    • § 181a StGB [ZuhĂ€lterei]
    • § 184e StGB [Verbotene Prostitution, in Sperrbezirken
    • § 184f StGB [JugendgefĂ€hrdende Prostitution]
    • § 232 StGB [Menschenhandel zum Zwecke sexueller Ausbeutung
    • § 233 StGB [Menschenhandel zum Zwecke der Ausbeutung der Arbeitskraft]
    • § 297 EGStGB [Verbot der Prostitution]
    • § 4 EMRK [Verbot der Sklaverei]

    Alles, was in der Prostitution eventuell unfreiwillig passieren könnte (also alles, außer dem einvernehmlichen Sex), ist bereits jetzt verboten und kann also von der Polizei auch strafrechtlich verfolgt werden. ZusĂ€tzlich genießt die Polizei das Sonderrecht, ProstitutionsstĂ€tten anlaßlos zu jeder Tages- und Nachtzeit zu betreten.

    Ich weiß ĂŒberhaupt nicht, wie man da auf die Idee kommen kann, die Polizei hĂ€tte keine Handhabe. Man braucht den “Kampf gegen Menschenhandel” ĂŒberhaupt nicht als Drogen- oder Terror-Razzia zu deklarieren. Razzien in ProstitutionsstĂ€tten sind bereits erlaubt und gĂ€ngige Polizeipraxis.

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