Prostitution = Emanzipation

Dass man als Prostituierte nicht frei und unabhĂ€ngig sein könne, dass man sich nicht guten Gewissens dafĂŒr entscheiden könne – das höre ich nur all zu oft. Ich habe deshalb einen Artikel darĂŒber geschrieben, dass die Entscheidung fĂŒr die Prostitution auch ein emanzipatorischer Schritt sein kann.


Prostitution als sexuelle Emanzipation der Frau.
Die Befreiung von einem Mythos.

Eine Bekannte monierte neulich, Prostitution sei durch ihre AbhĂ€ngigkeit vom Gelde der Inbegriff unfreier SexualitĂ€t. Ich intervenierte. Erstens seien Prostitutierte nicht allein aufgrund der Existenz eines Geldflusses automatisch auch von diesem Gelde abhĂ€ngig. Und zweitens bedeute AbhĂ€ngigkeit vom Gelde nicht automatisch auch ein unfreies Arbeiten. Im anderen Falle wĂ€re jeder Arbeiter in einer vom Geld regierten Welt unfrei. Dies kann man im Sinne einer Kapitalismuskritik freilich so sehen. Doch ist es eine außerordentlich polemische Behauptung, die jeden Menschen, der gerne und selbstbestimmt in seinem Job arbeitet und diesen als ErwerbstĂ€tigkeit betreibt, vor den Kopf stoßen muß.

Sicherlich ist es, trotz Legalisierung der Prostitution, nach wie vor so, dass viele, wenn nicht sogar die Mehrheit der Prostituierten sexuelle Dienstleistungen in einem erdrĂŒckenden oder sogar unterdrĂŒckenden AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis anbieten. Ich meine jedoch, dies ist eine ĂŒberwindbare “Altlast” aus Zeiten, in denen das horizontale Gewerbe noch illegal und damit auf die kriminellen Strukturen, die sich in diesem “Milieu” und darum herum entwickelten, angewiesen war. Ich glaube nicht, dass Prostitution (Sex gegen Geld) und KriminalitĂ€t (ZuhĂ€lterei, Zwangsprostitution, Gewalt, Drogensucht, Menschenhandel, etc.) aus sich selbst heraus einen kausalen Zusammenhang haben. Ich glaube das, weil ich selbst ein Beispiel dafĂŒr bin, dass beides getrennt voneinander existieren kann.

Ich arbeite seit zwei Jahren unabhĂ€ngig als Prostituierte. Ich bin neben dem Studium als “Independent Escort” tĂ€tig. Ich habe mir das ausgesucht, weil es nach einer reiflichen Betrachtung der sich mir in meiner derzeitigen Lebenssituation bietenden Möglichkeiten des Geldverdienens, die angenehmste, unkomplizierteste und passendste war. Ich komme aus gutem Hause, ich bin gebildet und körperlich topfit; es war also keine Entscheidung aus genereller Perspektivenlosigkeit heraus. Mich zu prostituieren und damit mein eigenes Geld zu verdienen, war ein Schritt in die UnabhĂ€ngigkeit – sowohl in die finanzielle, als auch in die sexuelle. Wie kann das sein?

Alice Schwarzer spricht sich noch heute gegen den Minirock aus. Sie ist der Meinung, dass die UnabhĂ€ngigkeit der Frau nur durch ihre sexuelle Enthaltsamkeit erreicht werden kann, nĂ€mlich indem sie sich ihrer Rolle als gefĂŒgiges, vom Manne dominiertes “Lustobjekt” rigoros entzieht. Frau Schwarzer unterliegt einem, wenn auch aus ihrer gesellschaftlichen Perspektive nachvollziehbaren und fĂŒr die feministische Bewegung wohl bahnbrechenden Fehlschluß. Dem Recht der Frau auf eine selbstbestimmte SexualitĂ€t ist mit der feministischen Forderung nach ihrer Enthaltsamkeit vor dem Manne keinesfalls GenĂŒge geleistet. Schlimmer noch, durch die Enthaltsamkeit der Frau, bekommt der sexuelle Erfolg des Mannes den Status einer Belohnung, einer TrophĂ€e, einer PrĂ€mie, vor der jedes Ausleben weiblicher SexualitĂ€t automatisch zu einem “Wertverlust” der sich dem Manne hingebenden Frau fĂŒhrt. (Mit je mehr Menschen ich einen Preis teilen muß, desto kleiner wird der Anteil des Preises fĂŒr jeden Einzelnen, woraus sich dessen Entwertung ableitet.)

Ohne den Einfluß von Geld oder irgendwelcher DienstverhĂ€ltnisse bewirkt allein dies eine sexuelle Zwanghaftigkeit im Umgang von Mann und Frau. Ähnlich wie es das poetische Minne-Konzept im Hohen Mittelalter vorsah, wirbt der Ritter in einer Art Liebesdienst um die Gunst der ewig unerreichbaren Dame. Diese muß schon allein deshalb unerreichbar bleiben, damit sie den Grund fĂŒr ihre Anbetung (nĂ€mlich ihre Reinheit, die hohe Wertigkeit ihres Preises) nicht ad absurdum fĂŒhrt. Im Sinne einer feministischen ErmĂ€chtigung, mag die Enthaltsamkeit der Frau eine opportunistische Entscheidung sein. Im Sinne einer sexuellen Befreiung und einer Gleichberechtigung der Geschlechter ist sie es nicht. Die sexuelle Enthaltsamkeit der Frau, bzw. ihr zugunsten ihrer gesellschaftlichen Reputation erforderliches, peinliches AbwĂ€gen, wem sie ihre Gunst gewĂ€hrt und wem nicht, fĂŒhrt nicht in die sexuelle Freiheit, sondern in den Geschlechterkampf – den Kampf des Mannes um die Gunst der Frau und den Kampf der Frau, auf der Suche nach einem geeigneten GĂŒnstling, der ihre Entwertung auch wert ist. Die AnsprĂŒche an einen potentiellen Partner werden so kĂŒnstlich aufgebauscht, die Schwierigkeit, einen passenden Partner zu finden, wĂ€chst und ebenso wĂ€chst die Angst vor einer falschen Entscheidung.

Diese selbstauferlegte UnterdrĂŒckung der weiblichen SexualitĂ€t und die Zwanghaftigkeit im Umgang damit ist auf lange Sicht eine Sackgasse. Wo der Geschlechterkampf bestimmend ist, kann es keine Befried(ig)ung der Geschlechter geben. BĂŒcher wie Charlotte Roches “Feuchtgebiete” oder die Entstehung einer feministischen Porno-Bewegung (“PorYES” im Ggs. zu Schwarzers “PorNO”) lassen ein zunehmendes Bewußtsein fĂŒr diese Problematik unter jungen, emanzipierten Frauen erkennen. Doch wie dieser Sackgasse entfliehen? In einer Gesellschaft, in der Frauen, die sich ungewöhnlich freizĂŒgig geben, von ihren Geschlehtsgenossinnen noch immer gerne als “billige Schlampen” betrachtet werden und in der MĂ€nner sich mit ihren sexuellen Erfolgen vor ihren Geschlechtsgenossen brĂŒsten (könn[t]en), wird es keiner emanzipierten Frau leicht gemacht, sich FÜR das Niederlegen der “weiblichen Waffen” zu entscheiden. Dass damit ein Machtverlust einher ginge, lernt Frau meist schon wĂ€hrend der PubertĂ€t. Wenn die BrĂŒste zu wachsen beginnen und die junge Dame merkt, wie leicht sie in einer von MĂ€nnern dominierten Welt allein mit einem gewagten Ausschnitt ihre wie auch immer gearteten Ziele erreichen kann, dann ist das ein, in der Figur der Wildeschen “SalomĂ©” gekonnt symbolisiertes, absolut prĂ€gendes Erweckungserlebnis fĂŒr die Frau.

Ich selbst hatte lange Zeit weder sexuelle Kontakte, noch Liebesbeziehungen zu MĂ€nnern, weil es mir zu einfach war, sie zu beeindrucken, und ich mir in dieser Rolle zu austauschbar vorkam. Ich verliebte mich, ohne sexuellen Kontakt, eher in Freundinnen und hegte deshalb sogar den Verdacht, ich sei lesbisch. Doch meine AusflĂŒge in diese Szene waren allesamt enttĂ€uschend. Nicht dass es mir nicht von Zeit zu Zeit gefallen hĂ€tte, meine weiblichen Waffen gegenĂŒber mĂ€nnlichen Mitmenschen in vollem Maße auszunutzen, aber geliebt werden, wollte ich dennoch um meiner Selbst Willen und nicht weil ich zwei Titten und eine Muschi habe. Erst als ich jemanden fand, der mir das GefĂŒhl gab, mich meiner individuellen QualitĂ€ten als Mensch wegen zu begehren, unabhĂ€ngig von geschlechtlichen Konventionen, konnte ich mich ĂŒberhaupt meiner sexuellen Emanzipation widmen. Denn ich war auf einmal unabhĂ€ngig von dem Anspruch geworden, einen geeigneten Lebenspartner zu finden und konnte mich auf einmal mit der Suche nach geeigneten Sexualpartnern befassen.

Zu dieser Emanzipation gehörte in erster Linie, eine AttitĂŒde PRO SexualitĂ€t zu entwickeln – und zwar ein PRO, das unabhĂ€ngig von romantischen Forderungen nach (wahrer) Liebe oder sonstiger emotionaler Bindung fĂŒr sich Bestand hat. Es war mir wichtig, meine Lust als Lust zu akzeptieren, in all ihrer animalischen Bedeutung und ohne ihre zĂŒchtigende, zivilisierende, ja, grenzenlos ĂŒberhöhte Einbindung in fragliche Liebes- und Beziehungskonzepte. Ich wollte mich meiner Lust nicht nur in Form von freiwilliger Enthaltsamkeit, sondern auch in Form freiwilligen Auslebens bemĂ€chtigen. Die Erkenntnis, mich nicht nur selbstbestimmt gegen meine SexualitĂ€t entscheiden zu können, sondern zu akzeptieren, dass ich mich auch jederzeit selbstbestimmt, unverschĂ€mt und unabhĂ€ngig von meinen AnsprĂŒchen an eine Lebenspartnerschaft FÜR meine SexualitĂ€t entscheiden könnte, das war ein emanzipatorischer Befreiungsschlag.

Vor diesem Hintergrund, erscheint es nicht mehr verwunderlich, dass Sex mit einem fremden Menschen das Potential hat, ebenso gut oder schlecht zu sein, wie Sex mit einem geliebten Menschen. Und es erscheint nicht mehr verwunderlich, dass die Entscheidung fĂŒr Sex unabhĂ€ngig von der Frage getroffen werden kann, ob man den Geschlechtspartner liebt oder nicht liebt. Die Möglichkeiten der selbstbestimmten Ausgestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen gewinnen durch eine solche Erkenntnis fĂŒr die Frau theoretisch an Facettenreichtum. In der Praxis, ist dies aber vor allem deshalb schwierig umzusetzen, weil zu einer gelungenen zwischenmenschlichen Beziehung jedweden Charakters immer mindestens zwei Menschen gehören. Wo ich mit meiner freien Entscheidung gegen die Konvention (Sex aus Liebe/heterosexuelle Monogamie) leben möchte, kann ich nicht davon ausgehen, dass mein Wahlpartner dieselben Überlegungen, dieselben BedĂŒrfnisse, dieselben Erwartungen und dieselben AnsprĂŒche an unsere Beziehung hat, wie ich. Ich muß das individuell mit jedem einzelnen Partner (und ggf. Partner-Partner) verhandeln und das ist anstrengend und zeitaufwendig und fĂŒhrt u.U. zu unvorhergesehenen, emotionalen Belastungen.

FĂŒr einen geliebten Menschen (oder einen, den man gerne lieben oder freundschaftlich an sich binden möchte), geht man dieses Risiko sicherlich eher ein und bringt dieses Aufwandsopfer vorbehaltlos. Wo ich als Frau jedoch einfach Sex mit einem fĂŒr meine sexuelle Befriedigung (und nichts weiter) geeigneten Partner haben möchte, ĂŒberwiegen, ganz ökonomisch gesprochen, die Kosten fĂŒr ein solches Arrangement oftmals den Nutzen. Ich kann auch nicht wortlos umhergehen, allen MĂ€nnern, die mir als Bettfreunde halbwegs gefallen, haltlos den Kopf verdrehen und sie dann fallen lassen, sobald meine sexuellen BedĂŒrfnisse an ihnen befriedigt sind. Dies ist ein Verhalten, das die Frau lange dem Mann zum Vorwurf gemacht hat und das ich aus moralischen GrĂŒnden nicht wiederholen möchte. Es wĂ€re rĂŒcksichtslos, ignorant und unfair meinen Mitmenschen gegenĂŒber.

Deshalb muß ich, wenn es außerhalb meiner Liebes- und Freundschaftsbeziehungen um meine sexuelle Befriedigung geht, bzw. ich den Aufwand, individuell zu verhandeln, nicht leisten möchte, weil ich unverbindlichen Sex suche, einen Kompromiß finden. Das Angebot einer sexuellen Dienstleistung kann (muß aber nicht) ein solcher Kompromiß sein. Ich sage, wenn du grundlegend gebildet und sympathisch bist, mich mit Respekt und nicht wie Dreck behandelst, dann können wir gerne, zu unser beider sexueller Befriedigung miteinander schlafen. Damit du hinterher, wenn wir miteinander geschlafen haben, nicht das GefĂŒhl bekommst, dass dir aus unserer Bettfreundschaft irgendein weitergehender Anspruch auf mich oder eine Forderung von mir, d.h. eine emotionale Bindung, erwĂ€chst, lasse ich mich fĂŒr die Zeit, die ich mit dir verbringe, bezahlen. Wenn dies ohne Vorspielung falscher Tatsachen zustande kommt, dann ist es ein fairer Deal zwischen zwei gleichberechtigten Menschen. Diese können sich frei fĂŒr oder gegen das Angebot entscheiden. Es gibt weder Kampf, noch Zwang, denn der Sex in einem DienstleistungsverhĂ€ltnis ist keine TrophĂ€e.

Der Sex in einem DienstleistungsverhĂ€ltnis kann (muß aber nicht) eine Möglichkeit sein, sich frei von Geschlechter- und Beziehungs-Konventionen der sexuellen Exploration zu widmen. Er kann helfen, die eigene Lust auch als solche frei auszuleben, ohne dabei grĂ¶ĂŸere (emotionale) Risiken einzugehen. Sex mit einem unbekannten Menschen kann schon allein aufgrund der Fremdheit des GegenĂŒbers aufregend und prickelnd sein und solange die Prostituierte keinem ZuhĂ€lter oder sonstig Zwang ausĂŒbenden Arbeitgeber, sondern allein sich selbst verpflichtet ist, kann sie frei entscheiden, auf welchen Kunden sie sich einlassen möchte und auf welchen nicht. Je weniger ein Mensch aus existentieller Not oder aber aus Gier von dem Geld abhĂ€ngig ist, das er mit seiner Arbeit verdient, je mehr er sich aus Spaß an der Sache in seinem Job profiliert, desto freier ist er – auch dann, wenn er mit der Sache, die ihm Freude bereitet, seinen Lebensunterhalt (oder sein Zubrot) verdient. Das entwertet seine Freude nicht und es bedeutet auch nicht, dass er alles tun mĂŒĂŸte, wofĂŒr ihm jemand Geld anbietet, auch dann, wenn er sich unwohl fĂŒhlt. Wer frei un unabhĂ€ngig ist, kann “nein” und “ja” sagen. Das gilt fĂŒr die Prostitution ebenso wie fĂŒr alle anderen ErwerbstĂ€tigkeiten auch. Deshalb sind Forderungen nach einem Mindestlohn oder einem Grundeinkommen unterstĂŒtzenswert, weil sie den BĂŒrger vom Zwang, Geld verdienen zu mĂŒssen, befreien.

Es ist in Anbetracht der Genderdebatte schade, dass im Bereich der Prostitution nach wie vor ĂŒberwiegend Frauen die Anbieterinnen und MĂ€nner die Kunden sind. Ich könnte es mir andersherum durchaus vorstellen, aber das funktioniert derzeit leider noch nicht. Es ist auch schade, dass es nach wie vor solcher Hilfskonstruktionen bedarf, um SexualitĂ€t von ĂŒberhöhten Beziehungsmythen zu befreien, bzw. dass sie nach wie vor opportun oder ökonomisch erscheinen. Aber die Zeit, in der alle Frauen und MĂ€nner auch privat zwangloser miteinander umgehen können, kommt vielleicht noch. Ich bin der festen Überzeugung, dass die KriminalitĂ€t, die im Rahmen von Prostitution stattfindet, zurĂŒckgedrĂ€ngt wird, wenn wir an der Legalisierung der Prostitution festhalten. Wenn wir uns darĂŒber hinaus auch fĂŒr deren Übergang in eine gesellschaftliche Legitimation (LegitimitĂ€t?) einsetzen, könnte dies auch helfen, den Prozess einer geschlechter-unabhĂ€ngigen sexuellen Befreiung voranzutreiben. In jedem Falle plĂ€diere ich fĂŒr einen sachlichen, fairen und vorurteilsfreien Umgang mit Prostitution, ohne eine Abwertung der Anbieterinnen, der Kunden oder des Angebots als solchem. Befreit man sie von ihrer generellen gesellschaftlichen Ächtung, kann Prostitution auch als Entscheidung FÜR eine freie und selbstbestimmte weibliche SexualitĂ€t betrachtet und entsprechend respektiert werden.

Der uneingeschrĂ€nkte und undifferenzierte Mythos von der Hure als Opfer (unfrei, zwanghaft, fremdbestimmt) hat keinen Bestand mehr, wo wir der Frau nicht nur das Recht, sondern auch ihre FĂ€higkeit auf eine selbstbestimmte SexualitĂ€t zugestehen. Der Mythos von der Hure als Opfer ist ĂŒberwindbar, denn die Entscheidung FÜR die Prostitution kann durchaus auch Ausdruck der sexuellen Emanzipation der Frau sein. Dies gebe ich zu bedenken.

Carmen Amicitiae
Berlin, 15.02.2010


 
 
 

11 Kommentare zu “Prostitution = Emanzipation”

  1. TheK
    6. MĂ€rz 2010 um 21:36

    Wunderbar, selbst als Mann kann ich da nur nicken. FĂŒr MĂ€nner gelten die “Eroberungen” als “TrophĂ€en”, wogegen die meisten Frauen schon auf die Frage, wie viele feste (!) Beziehungen sie schon hatten, verschĂ€mt und ausweichend antworten. Ein Mann, der regelmĂ€ĂŸig eine andere hat, gilt als “toller Hecht”; eine Frau gilt eigentlich schon nach dem ersten One-Night-Stand auf Lebenszeit als “Schlampe” (bezeichnend, dass es zu diesem Wort nicht einmal ein mĂ€nnliches Pendant gibt). Da sich viele Frauen dann auch bei der Anbahnung von Flirts entsprechend (passiv) verhalten, wird das Vorurteil vom “Frauenverschleißenden Macho” dann auch zur selbsterfĂŒllenden Prophezeiung: Ein schĂŒchterner Mann, der sich selbst nicht traut, offensiv zu werden, hat gar keine Chance.

  2. carmen
    7. MĂ€rz 2010 um 14:57

    Ja, es ist schade, dass die schĂŒchternen MĂ€nner so schlechte Chancen haben. Dabei sind sie oftmals gerade deshalb so schĂŒchtern, weil sie eben nicht dieses Machoklischee erfĂŒllen wollen. Meines Erachtens können wir diesen Teufelkreis “Macho – Schlampe” nur durch Emanzipation auf beiden Seiten durchbrechen, also auf mĂ€nnlicher wie weiblicher. Die Frauen mĂŒĂŸten sich in ihrer eigenverantwortlichen SexualitĂ€t emanzipieren und die MĂ€nner in alternativen Modellen von MĂ€nnlichkeit, die sie nicht als “feminisiert” empfinden. MĂ€nnliche Emanzipation scheint ja auch gerade ein Topthema zu werden: MĂ€nner emanzipiert euch!

  3. J.M.S. (Lehrerin)
    17. April 2010 um 14:34

    Liebe Carmen,
    ich habe Ausschnitte aus Ihrem Blogbeitrag mit SchĂŒler_innen meiner 11. Klasse im Unterricht gelesen. In einem Schulbuch gibt es einen kontrĂ€ren Text, der die Schattenseiten der Zwangsprostitution darstellt, diesem wollte ich etwas entgegenhalten.

    Die anschließende Diskussion unter den SchĂŒler_innen war sehr fruchtbar, insgesamt wurde Ihr Text relativ positiv aufgenommen. Die WortfĂŒhrer der Jungen kamen sogar zu dem Urteil, dass sie nur eine Prostituierte aufsuchen wĂŒrden, die dies freiwillig tue. Die MĂ€dchen waren etwas skeptischer gegenĂŒber dieser selbstbewussten Form der Prostitution, vor allem mit der BegrĂŒndung, dass man so – trotz Gegenbeispiel im Text – keine „richtige“ Liebesbeziehung fĂŒhren könne. Heterosexuelle Monogamie gilt eben auch unter Jugendlichen als die einzig vorstellbare Beziehungsform.
    Auch die gesellschaftliche Ächtung von Prostituierten wurde thematisiert. Ein SchĂŒler wies darauf hin, dass Sie nach oder wĂ€hrend Ihrer TĂ€tigkeit als Prostituierte wohl kaum öffentliche Ämter wahrnehmen könnten, da diese Lebensform keineswegs in unserer „ach so toleranten“ Gesellschaft akzeptiert sei. – Genau diese Denkprozesse wollte ich in Gang bringen. Mit Ihrem Text ist es ein StĂŒck weit gelungen.

    NatĂŒrlich blieb der obligatorische Anruf eines besorgten Vaters nicht aus, der sich darĂŒber beschwerte, dass in meinem Unterricht die Verherrlichung von Prostitution betrieben wĂŒrde.
    Ich erklĂ€rte ihm also, dass es mir vor allem um die Thematisierung von fremd- und selbstbestimmter SexualitĂ€t gegangen sei. Im Laufe des Telefonats stellte sich heraus, dass der Familienvater nichts gegen Prostitution an sich habe, das sei schließlich das Ă€lteste Gewerbe und so weiter…, vielmehr fĂŒrchte er, dass seiner Tochter dieser libertinĂ€re Umgang mit SexualitĂ€t als Ideal dargestellt werde, und vor dieser „Sittenlosigkeit“ wolle er sie doch bewahren etc. -
    Über die bigotte Doppelmoral der Gesellschaft haben Sie sich ja selbst schon treffend geĂ€ußert. Es bleibt mir nur, Ihnen herzlich fĂŒr Ihren Mut, Ihre Offenheit und auch fĂŒr diesen Text zu danken.

    Ich wĂŒnsche Ihnen alles Gute!

  4. carmen
    18. April 2010 um 13:20

    Hallo J.M.S.,

    es freut mich, dass dieser Text die Diskussion unter ihren SchĂŒlern in Gang bringen konnte. NatĂŒrlich geht es nicht darum, Prostitution blind zu verherrlichen. Aber blind das Gegenteil zu tun, wie es aktuell leider noch weitgehend der Fall ist, ist eben auch der falsche Weg. NatĂŒrlich ist Zwangsprostitution unschön, wie ĂŒberhaupt alles, was unter Zwang passiert unschön ist. Ein anderer Umgang mit Prostitution und als Form von selbstbestimmter SexualitĂ€t ist aber möglich und m.E auch nötig, um die Schattenseiten des Gewerbes bekĂ€mpfen zu können. DafĂŒr braucht es in erster Linie Selbstbewußtsein und ein SelbstwertgefĂŒhl unter den AnbieterInnen, was durch die gesellschaftliche Ächtung unseres Berufsstandes ja nicht unbedingt befördert wird.

    Ihren SchĂŒlerinnen können sie ĂŒbrigens versichern, dass im privaten Bereich auch einer Prostituierten eine “echte” Liebesbeziehung möglich ist. Aber das VerhĂ€ltnis zu den Kunden ist nicht von diesem Interesse geprĂ€gt. ;)

    Liebe GrĂŒsse, Carmen.

  5. Robert
    18. Oktober 2010 um 01:43

    Hmmm. Ich stimme allem zu. Aber ich sehe es irgendwie trotzdem wie der Familienvater der Carmen anrief.

    Ich wĂŒrde auch nicht wollen das meine Tochter (wenn ich sie denn hĂ€tte) diesem Beruf nachgeht.

    Anderseits: Bin ich gegen Ächtung von Berufen, Personengruppen jeder Form, wĂŒsste auch nicht wie ich diesem gedanklichen Teufelskreis entwinden soll. Denn irgendwas in mir sagt weiterhin, es ist falsch sich zu prostituieren.

  6. carmen
    18. Oktober 2010 um 11:12

    Der Familienvater rief nicht mich an. Und ja, die Doppelmoral ist ein Problem. Viele meinen, Prostitution sei schon irgendwie in Ordnung, aber hilfe, wenn meine Frau/Tochter/Mutter das tut, dann geht das ja mal gar nicht! Warum nicht? Was genau ist denn “falsch” daran, sich freiwillig zu prostituieren?

  7. Eric Manneschmidt
    24. August 2012 um 14:39

    Ich halte im Zusammenhang mit selbstbestimmter SexualitĂ€t, wie auch mit selbstbestimmten Beziehungen, Liebe, Freundschaft, Familie die finanzielle UnabhĂ€ngigkeit des Individuums fĂŒr den entscheidenden Aspekt.

    Daher propagiere ich ein bedingungsloses Grundeinkommen, ganz ausdrĂŒcklich keine Mindestlöhne, die ja den BĂŒrger gerade nicht vom Zwang befreien, Geld verdienen zu mĂŒssen (ganz im Gegenteil beziehen sie sich ja nur auf Arbeitslohn, im Grunde sogar nur auf abhĂ€ngige BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnisse).

    Ich gehe im Übrigen davon aus, dass sich durch die Abschaffung des Arbeitszwangs (aus wirtschaftlicher Not), das Problem der “Zwangsprostitution” wirklich lösen liesse, wohingegen alle anderen Maßnahmen letztlich immer fehlgehen, da sie die Zwangssituation der Betroffenen nicht zu lösen vermögen. DafĂŒr darf ein bedingungsloses Grundeinkommen natĂŒrlich letztlich nicht auf Deutschland oder Europa beschrĂ€nkt bleiben.

  8. Eric Manneschmidt
    24. August 2012 um 15:15

    Nachtrag:
    Interessant finde ich auch die konservative Kritik von “Sex gegen Geld” angesichts der Tatsache, dass richtig konservative Rollenmodelle ja genau darauf beruhen, dass es Sex nur in einer Ehe gibt, welche wiederum traditionell auf der absoluten finanziellen AbhĂ€ngigkeit der Frau beruht.
    (Von links wird dem bisher als Alternative die AbhĂ€ngigkeit der Frau von ihrem Arbeitgeber entgegengesetzt, was wirklich zu wenig ist…)

  9. carmen
    24. August 2012 um 15:51

    Auf jeden Fall, ein Grundeinkommen wĂ€re eine sinnvolle Maßnahmen gegen jede Form von Arbeitszwang aus GrĂŒnden der existentiellen Not. Es ist ja nicht so, dass Leute, die im Fleischer an der Kasse stehen, unbedingt alle in ihrem Job aufgehen oder Studenten, die im Call-Center sitzen, unbedingt alle gut bezahlt und nicht ausgebeutet werden. Aber bei denen fragt halt niemand danach, wie ausgebeutet sie sich vorkommen.

    Ich meine auch, dass viele Konservative, die mit dem Argument “Zwangsprostitution” nach Prostitutionsverboten schreien, Prostitution eigentlich aus moralischen GrĂŒnden generell ablehnen und nur vorgeschobene GrĂŒnde suchen. NatĂŒrlich entspricht eine Frau, die Sex mit mehreren Menschen außerhalb der Ehe hat und auch noch Geld damit verdient nicht dem traditionellen Rollenbild. Ich habe sogar neulich gehört, dass einige konservative MĂ€nner Prostitution ablehnen, weil die Frauen ihren “natĂŒrlichen Sexualtrieb” fĂŒr ihren finanziellen Vorteil ausnutzen. So als hĂ€tte Mann seine Triebe nicht unter Kontrolle und als wĂ€re es nicht seine freie Entscheidung gegen Geld mit ihr zu schlafen oder es zu lassen.

  10. Hauke Laging
    15. November 2012 um 17:02

    Moin,

    ich habe grĂ¶ĂŸte Bedenken, dass es den selbsternannten Frauenförderern um die LebensverhĂ€ltnisse und -qualitĂ€t der Dienstleisterinnen geht. Einerseits wird (aus “strategischen” GrĂŒnden?) den MĂ€nnern der leicht verfĂŒgbare Sex nicht gegönnt, andererseits ĂŒberhöht man sich selbst ja moralisch gern (möchte aber beim Date trotzdem nicht selber zahlen; sonst gibt es keinen Sex, nur Empörung). Die Scheinheiligkeit (gut vergleichbar der Debatte um Sterbehilfe) ist hervorragend daran zu erkennen, dass den denkoptionalen Moralisten außer dem Verbot nichts einfĂ€llt. Wie es den Frauen in schwierigeren VerhĂ€ltnissen dann (finanziell) geht, juckt keinen. Man fĂŒhlt sich fĂŒr das Leben der anderen verantwortlich (und verbotsberechtigt), aber eben nur da, wo es sich gut anfĂŒhlt, nicht anstrengend ist und nichts kostet. Die wenigsten Dienstleisterinnen stehen unter Zwang. Alle anderen könnte man politisch erreichen, indem man ihnen Alternativen bietet. HĂ€tten die Moralisten recht, gĂ€be es irgendwann nur noch ein verschwindend geringes Angebot. WĂ€re an ihrer These irgendwas dran, sie könnten es so leicht belegen. Aber wir wissen ja, warum nichts passiert.

    «Sicherlich ist es, trotz Legalisierung der Prostitution, nach wie vor so, dass viele, wenn nicht sogar die Mehrheit der Prostituierten sexuelle Dienstleistungen in einem erdrĂŒckenden oder sogar unterdrĂŒckenden AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis anbieten.»

    Dazu möchte ich einen Vorschlag Ă€ußern. Ich glaube, dass man die unschönen Aspekte des Milleus drastisch reduzieren könnte, indem man man fĂŒr “normale” Angebote eine Kostenuntergrenze einfĂŒhrt. Sagen wir mal 60, 80 EUR. Was man dafĂŒr bekommt (im Zweifelsfall: wie viel Zeit) wĂ€re offen. Angebote fĂŒr weniger Geld wĂ€ren zwar noch zulĂ€ssig, aber nur in einem rigide regulierten Umfeld, das Zwangsprostitution u.Ä. wirksam ausschlösse. Das hĂ€tte meines Erachtens einerseits eine erhebliche Verschiebung zu gehobenen Angeboten zur Folge, andererseits sicherlich auch eine qualitative Verbesserung fĂŒr die Frauen (am unteren Ende der Skala). Paysex muss nicht wĂŒrdelos sein; sich an der Straße fĂŒnfzehn Minuten einen blasen zu lassen ist zumindest schon dicht an wĂŒrdelos. Das braucht niemand, weder die MĂ€nner noch die Frauen. Wenn die Sitzung eine dreiviertel Stunde bis Stunde dauert, hat der Vorgang sehr viel mehr mit Sex zu tun als das ansonsten praktizierte Stillhalten. Zwangsprostitution wĂŒrde mit marktwirtschaftlichen Mitteln unterlaufen – dagegen ist auch die Mafia machtlos. Ein illegales Unterlaufen der Kostenuntergrenze wĂ€re fĂŒr die Polizei viel leichter zu erkennen als Zwang. Weniger Umsatz, mehr Risiko fĂŒr die Kriminellen.

    «Dem Recht der Frau auf eine selbstbestimmte SexualitĂ€t ist mit der feministischen Forderung nach ihrer Enthaltsamkeit vor dem Manne keinesfalls GenĂŒge geleistet.»

    Haha, in der Tat. DafĂŒr muss man ja nur einen verĂ€chtlichen Blick auf das Mutterland des kulturellen ZurĂŒckgebliebenseins werfen: freiwillige Enthaltsamkeit, erwartete, erzwungene Enthaltsamkeit, Kopftuch, Ganzkörpersack, Mord und Totschlag fĂŒr Blicke(!). Nein, Enthaltsamkeit ist ganz sicher nicht der Weg zur feministischen Erleuchtung. Deutlicher als die Korrelation von Enthaltsamkeit und Freiheit der Frau geht es im LĂ€nder- und Kulturvergleich wohl nicht mehr.

    Und zu den «Schlampen»: Dass diese soziale Maßregelung in erster Linie von Frauen ausgeht, ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis. Vielleicht brauchen wir als ErgĂ€nzung zu all dem, was gegen (manche?) MĂ€nner gerichtet ist, mal eine «Schlampen»-Kampagne, die sich (primĂ€r) an Frauen (MĂ€dchen) richtet? So in der Art von “Meine beste Freundin fickt rum, wenn sie Single ist. Das macht sie zu einer entspannt-glĂŒcklichen Frau, nicht zu einer Schlampe. Ich misgönne ihr den besseren Sex nicht, sondern freue mich fĂŒr sie.”.

    Noch ein Punkt: Ich glaube, dass die Ablehnung von Prostitution viel mit dem Geschiss zu tun hat, das um Treue gemacht wird. In beiden FĂ€llen ist die Sachlage erdrĂŒckend, aber in beiden FĂ€llen geht es um Sex, und dadurch kommt Ideologie ins Spiel. Gedankenexperiment: Treue als Forderung ist in Zukunft verpönt, Freiheit und sexuelle ErfĂŒllung sind die maßgeblichen Werte (die Beziehungen sind als Nebeneffekt ehrlicher und stabiler). Ist in so einer Gesellschaft die Verteufelung von Prostitution ĂŒberhaupt noch denkbar? Ich glaube nicht.

    Ob ich nun das LĂ€ngenmaximum gesprengt habe? ;-)

  11. carmen
    15. November 2012 um 19:39

    Sicherlich ist es, trotz Legalisierung der Prostitution, nach wie vor so, dass viele, wenn nicht sogar die Mehrheit der Prostituierten sexuelle Dienstleistungen in einem erdrĂŒckenden oder sogar unterdrĂŒckenden AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis anbieten.

    Oh mann, habe ich das geschrieben? Ja, hab ich. Ich revidiere das. Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass das der Fall ist. Von allen Prostituierten, die ich bisher kennengelernt habe, arbeitet keine in einem unterdrĂŒckenden oder erdrĂŒckenden ArbeitsverhĂ€ltnis. Das was uns aber alle irgendwie drĂŒckt, sind die Vorurteile Außenstehender, mit denen wir immer wieder konfrontiert sind. Die sind wirklich das ErdrĂŒckenste an dem Job.

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