{"id":848,"date":"2014-04-11T10:45:49","date_gmt":"2014-04-11T08:45:49","guid":{"rendered":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=848"},"modified":"2014-04-15T18:02:51","modified_gmt":"2014-04-15T16:02:51","slug":"parallelen-von-abtreibung-und-sexarbeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=848","title":{"rendered":"Parallelen von Abtreibung und Sexarbeit"},"content":{"rendered":"<p>Bei diesem Text handelt es sich um meine \u00dcbersetzung des Blogartikels &#8222;<a href=\"http:\/\/loriadorable.tumblr.com\/post\/81593680097\/if-privileged-women-were-as-likely-to-do-survival-sex\">If privileged women were as likely to do survival sex work\u2026<\/a>&#8220; der us-amerikanischen Sexworkerin und Autorin <a href=\"https:\/\/twitter.com\/LoriAdorable\/\">@LoriAdorable<\/a>, die ich mit freundlicher Genehmigung anfertigen und ver\u00f6ffentlichen durfte. Auch wenn die Sicht auf die Verbotsdebatte eine eher amerikanische ist, hat mir Loris Vergleich neue Perspektiven erh\u00f6ffnet, Argumente, die ich in der Form zuvor nicht bedacht habe. Das ist selten und wertvoll. Daher m\u00f6chte ich den Text gerne auch einer deutschsprachigen Leserschaft zug\u00e4nglich machen. Viel Spa\u00df bei der Lekt\u00fcre!<!--more--><\/p>\n<h2>Parallelen von Abtreibung und Sexarbeit ~ Lori Adorable<\/h2>\n<p><b>W\u00fcrden privilegierte Frauen eben sooft in die Sexarbeit* einsteigen, um ihr \u00dcberleben zu sichern, wie sie Abtreibungen vornehmen lassen, g\u00e4be es keine feministische Debatte \u00fcber Sexarbeit.<\/b><\/p>\n<p>[Ich werde hier \u00fcber Frauen sprechen, weil Frauen den Gro\u00dfteil der Menschen ausmachen, die ihren Lebensunterhalt durch Sexarbeit verdienen und die Abtreibungen vornehmen lassen, was ein Gender-Problem ist. Aber bitte verge\u00dft nicht, dass es auch einige M\u00e4nner und nicht bin\u00e4r-geschlechtliche Menschen gibt, die beides tun.]<\/p>\n<p>Die Parallelen zwischen Sexarbeit zur Lebenserhaltung und Abtreibung sind erstaunlich:<\/p>\n<ul>\n<li>Es ist niemals die erste Idee, die einem in den Sinn kommt, eine Abtreibung vornehmen zu lassen oder zur Sicherung des Lebensunterhalts in die Sexarbeit einzusteigen.<\/li>\n<li>Man tut es nur, weil andere Optionen fehlgeschlagen sind.<\/li>\n<li>Andere Optionen schlagen haupts\u00e4chlich deshalb fehl, weil die Gesellschaft sich weigert, sie anzubieten.<\/li>\n<li>Einige Frauen finden Abtreibungen traumatisch. Einige Frauen finden Sexarbeit zur Sicherung des \u00dcberlebens traumatisch. Einige st\u00f6rt es nicht weiter.<\/li>\n<li>Einige Frauen, die Abtreibungen hatten, sprechen sich hinterher f\u00fcr Abtreibungsverbote aus. Einige Frauen, die zum Lebenserhalt in der Sexarbeit t\u00e4tig waren, sprechen sich hinterher f\u00fcr ein Prostitutionsverbot aus. Die meisten tun es nicht.<\/li>\n<li>Viele Abtreibungsgegner meinen, es sei eine gute Idee, die \u00c4rzte und nicht die Patientinnen zu bestrafen. Viele Prostitutionsgegner meinen, es sei eine gute Idee, die Kunden und nicht die Anbieterinnen zu bestrafen. In beiden F\u00e4llen handelt es sich aber nur um eine Kriminalisierung der Frauen durch die Hintert\u00fcr.<\/li>\n<li>Abtreibungs- und Prostitutionsgegner weisen immer wieder auf die unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Zahl an armen oder schwarzen Frauen hin, die abtreiben\/in der Sexarbeit t\u00e4tig sind. Damit wollen sie beweisen, dass Abtreibung und Sexarbeit Formen rassistischer und klassistischer Gewalt sind. Eigentlich beweisen sie aber, dass armen und schwarzen Frauen aufgrund systematischer rassistischer und klassistischer Benachteiligung in unserer Gesellschaft weniger andere Optionen zur Verf\u00fcgung stehen.<\/li>\n<li>Abtreibungs- und Prostitutionsgegner weisen immer wieder darauf hin, dass einige Frauen zur Abtreibung\/Sexarbeit gezwungen werden. Damit wollen sie zeigen, dass beides verboten geh\u00f6rt. Sie ignorieren aber, dass eine Kriminalisierung es viel schwieriger machen w\u00fcrde, diese F\u00e4lle von Zwang \u00fcberhaupt erst zu entdecken.<\/li>\n<li>Keine gegenw\u00e4rtig aktive Sexworkerin und keine Frau, die gegenw\u00e4rtig eine Abtreibung ben\u00f6tigt, sprechen sich f\u00fcr ein Verbot aus.<\/li>\n<li>Abtreibungs- und Prostitutionsgegner betrachten Abtreibung\/Sexarbeit als Gewalt gegen Frauen und nehmen es als Beispiel f\u00fcr die patriarchale Kontrolle \u00fcber Frauen her.<\/li>\n<li>Abtreibungs- und Prostitutionsgegner verwechseln Prohibition und Abolition. Prohibition schafft es nicht, die Zahl der Frauen, die Abtreibungen vornehmen lassen und die Zahl der Frauen, die in der Sexarbeit t\u00e4tig sind, zu senken. Prohibition erh\u00f6ht dagegen das Ma\u00df an Leid, das ihnen zuteil wird.<\/li>\n<li>Abtreibungs- und Prostitutionsgegner weigern sich, Methoden der Schadensbegrenzung anzuwenden, obwohl es die einzigen sind, die bewiesenerma\u00dfen helfen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der einzige Grund daf\u00fcr, dass es eine feministische &#8222;Debatte&#8220; um die Kriminalisierung von Sexarbeit gibt, aber nicht um die Entkriminalisierung, Schadensbegrenzung oder Verf\u00fcgbarmachung alternativer Optionen, ist der, dass es so unwahrscheinlich ist, dass privilegierte Frauen ihren Lebensunterhalt durch Sexarbeit sichern. Privilegierte Frauen k\u00f6nnen es &#8222;sich leisten&#8220;, sich auf ihre Ekelgef\u00fchle und Gel\u00fcste nach Kundenbestrafung zu konzentrieren, weil es nicht ihre Existenz ist, die auf dem Spiel steht.<\/p>\n<h2>Kommentar zur \u00dcbersetzung<\/h2>\n<p>Sexarbeit, um des \u00dcberlebens Willen: Lori verwendet in ihrem Text den Begriff &#8222;survival sexwork&#8220;, der schwierig ins Deutsche zu \u00fcbersetzen ist. Hier h\u00f6rt man \u00f6fter von &#8222;Armutsprostitution&#8220;, was in die richtige Richtung geht, aber innerhalb der Debatte leider komplett von den Antis besetzt ist. Sie verwenden den Begriff, um zu beweisen, dass die Entscheidung, sich zu prostituieren, immer unter Zwang geschieht, ignorieren aber, dass nach dieser Interpretation von Zwang nahezu jede Arbeit, der man aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden nachgeht, Zwangsarbeit oder Armutsarbeit w\u00e4re. Ich verwende daher Formulierungen wie &#8222;um des \u00dcberlebens Willen&#8220; oder &#8222;f\u00fcr den Lebensunterhalt&#8220; oder &#8222;zur Lebenserhaltung&#8220;. Dies betont allerdings nicht, dass es hier tats\u00e4chlich um \u00f6konomische Zw\u00e4nge und systematische Benachteiligung geht. Gemeint ist Sexarbeit aus Existenzangst und Mangel an Alternativen, bspw. um nicht die Wohnung zu verlieren oder Hunger zu leiden. Sexarbeit ist m.E. auch in diesem Falle eine legitime Entscheidung und mir erschlie\u00dft sich nicht, warum diejenigen, die in unserer Gesellschaft ohnehin kaum Optionen haben, durch Verbote auch noch dieser letzten Option beraubt werden sollten, geschweige denn, wie es ihnen helfen und warum sie dankbar f\u00fcr ihre &#8222;Rettung&#8220; sein sollten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei diesem Text handelt es sich um meine \u00dcbersetzung des Blogartikels &#8222;If privileged women were as likely to do survival sex work\u2026&#8220; der us-amerikanischen Sexworkerin und Autorin @LoriAdorable, die ich mit freundlicher Genehmigung anfertigen und ver\u00f6ffentlichen durfte. 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