{"id":811,"date":"2013-11-03T13:39:21","date_gmt":"2013-11-03T11:39:21","guid":{"rendered":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=811"},"modified":"2013-11-06T19:59:34","modified_gmt":"2013-11-06T17:59:34","slug":"antworten-auf-antje-schrupps-thesen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=811","title":{"rendered":"Antworten auf Antje Schrupps Thesen"},"content":{"rendered":"<p>Die feministische Bloggerin Antje Schrupp hat einen Artikel &#8222;<a href=\"http:\/\/antjeschrupp.com\/2013\/10\/31\/funf-thesen-zum-thema-prostitution\/\">F\u00fcnf Thesen zu Prostitution<\/a>&#8220; ver\u00f6ffentlicht. Er ist deshalb f\u00fcr mich interessant, weil sie es schafft, ihre ablehnenden Haltung mit Argumenten jenseits von &#8222;Menschenhandel&#8220; zu begr\u00fcnden. Deshalb habe ich ihr mehrfach geantwortet und versucht zu zeigen, wo f\u00fcr mich die Schwachstellen ihrer Argumentation liegen. Ich ver\u00f6ffentliche meine Kommentare hier zu Dokumentationszwecken. Lest zuerst ihren Artikel!<!--more--><\/p>\n<h2>Kommentar vom 1. November 2013 um 12:34 <\/h2>\n<p>Liebe Antje,<\/p>\n<p>ich freue mich, dass du es als feministische \u201cAlpha-Bloggerin\u201d geschafft hast, einen Artikel \u00fcber freiwillige Prostitution zu schreiben, in dem du argumentierst und die Existenz freiwilliger Prostitution nicht pauschal infrage stellst. Aber, dir unterl\u00e4uft ein Denkfehler, der auf einer falschen Pr\u00e4misse beruht (Punkt 4) und so kommst du am Ende doch wieder nur zu einem moralischen Urteil (Punkt 5), weshalb du die Prostitution ablehnst.<\/p>\n<blockquote><p>Das Ph\u00e4nomen \u201eProstitution\u201c ist nur denkbar in einer Kultur, in der Sex nicht die beiderseitige Lust aufeinander zur Voraussetzung hat, sondern einseitig denkbar ist. Es muss also als akzeptabel gelten, wenn jemand, der Sex haben will, die eigene Lust mit jemandem befriedigt, der_die keinen Sex haben will \u2013 denn eine Frau, die Sex gegen Geld eintauscht, hat ja selbst auf diesen Sex keine Lust, sondern tut es, um Geld zu verdienen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Du gehst davon aus, dass es beim Sex zwischen Sexarbeiterin und Kunde kein von der Anbieterin ausgehendes sexuelles Begehren g\u00e4be, sondern allenfalls monet\u00e4res. Du setzt voraus, dass Prostitution immer ein einseitiges sexuelles Interesse verfolgt. Warum? Warum sollte weibliche Sexualit\u00e4t nicht ebenso wild, gierig, vielf\u00e4ltig, aktiv, ordin\u00e4r, eigen-motiviert sein, wie es der m\u00e4nnlichen immer unterstellt wird? Glaubst du nicht, dass der Umstand, dass der Sexualpartner fremd ist und einen bezahlt, selbst sexuelle Lust ausl\u00f6sen kann? Ebenso wie es Lust bereiten kann, gefesselt befummelt zu werden oder Gummiklamotten anzuziehen oder nem Typen ins Gesicht zu pinkeln oder mit dem gleichen Geschlecht zu bumsen wie ein wilder Eber oder die Augen verbunden zu bekommen oder was auch immer?<\/p>\n<p>Sexuelles Begehren ist wahnsinnig vielf\u00e4ltig \u2013 auch das sexuelle Begehren von Frauen. (Wer w\u00fc\u00dfte das besser als eine Hure!) Frauen sind nicht \u201cnormalerweise\u201d sexuell passiv, zur\u00fcckhaltend, abwartend, enthaltsam oder erduldend. Und sie sind auch nicht \u201cnormalerweise\u201d nur dann gl\u00fccklich im Bett, wenn ihr Partner Prince Charming ist. Wir sollten an diesem Punkt \u00fcberhaupt nicht danach fragen, was f\u00fcr Frauen normal und was unnormal ist. Wenn wir als Feministinnen anfangen, weibliche Sexualit\u00e4t zu normieren, haben wir schon verloren, weil wir die Rollenbilder annehmen, die uns historisch zugedacht sind.<\/p>\n<p>Wenn du also behauptest, Prostitution gehe mit einem patriarchalen Weltbild einher, kannst du diese Ansicht nur aufrecht erhalten, indem du unterstellst, dass Sex etwas ist, das nur M\u00e4nner von Frauen wollen, auf das nur M\u00e4nner, aber nicht auch Frauen Lust haben, von dem nur M\u00e4nner, nicht aber auch Frauen sexuell profitieren. Abgesehen davon, dass diese Annahme falsch ist, ist sie zu tiefst sexistisch! Sie arbeitet mit geschlechtlichen Rollenbildern, geht von einem typisch m\u00e4nnlichen Begehren und einem typisch weiblichen Begehren aus und kann M\u00e4nner und Frauen nur im Rahmen dieser Rollen denken. Das ist nicht feministisch!<\/p>\n<blockquote><p>Deshalb bin ich auch dagegen, den Tausch von Sex gegen Geld als \u201enormale Arbeit\u201c zu labeln. \u201eNormale Arbeit\u201c, also der Tausch von Arbeit gegen Geld, beruht auf einem System der Arbeitsteilung. [&#8230;] Sicher ist es prinzipiell m\u00f6glich, auch Sex in diesem Sinn als Ware oder als Dienstleistung verstehen. Aber ich will das nicht. Genauso wie ich der Ansicht bin, dass Sex nicht zu den \u201ePflichten einer Ehefrau\u201c geh\u00f6rt (auch Ehefrauen sind dem ja normalerweise freiwillig nachgekommen).<\/p><\/blockquote>\n<p>Sex ist weder die Pflicht einer Ehefrau, noch die Pflicht einer Prostituierten. Auch ein Fu\u00dfpfleger ist nicht dazu verpflichtet, jedem die F\u00fc\u00dfe zu massieren. Wenn er bestimmte F\u00fc\u00dfe oder Kunden eklig oder unsympathisch findet, kann er es ablehnen, den Kunden zu bedienen oder Bedingungen aufstellen, unter denen er bereit w\u00e4re, seine F\u00fc\u00dfe zu massieren. Eine Prostituierte kann ebenso Bedingungen aufstellen, Kunden oder bestimmte Praktiken ablehnen, wie ein Fu\u00dfpfleger auch. Mit ihrer Einwilligung in die Prostitution ist keine Lizenz zur Vergewaltigung verkn\u00fcpft. Das w\u00e4re eine absurde Annahme, die einem Viktimblaming bei Gewalt gegen Sexarbeiter T\u00fcr und Tor \u00f6ffnet!<\/p>\n<p>Nein, ich vermute, dass der Grund daf\u00fcr, dass du Sex nicht als Dienstleistung akzeptieren willst, ein anderer ist: Sex ist f\u00fcr dich untrennbar mit Liebe verbunden. Sex ist f\u00fcr dich konkreter Ausdruck von abstrakter Zuneigung, vielleicht auch deshalb, weil du dein eigenes Begehren nie als prim\u00e4r sexuelles, sondern in erster Linie als emotionales erfahren hast? Vielen Menschen geht es so und sie neigen aufgrund dieser Pr\u00e4gung dazu, ihre hohen Anspr\u00fcche an die Liebe auf Sex zu \u00fcbertragen und Sex zu \u00fcberh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Sex ist aber nichts Heiliges. Sex ist, neben vielen anderen, eine Form der non-verbalen Kommunikation. Diese Form der Kommunikation ist nur deshalb \u201cintimer\u201d, weil sie in unserer Gesellschaft versteckt, allenfalls im geheimen ausge\u00fcbt wird und wir darauf gepr\u00e4gt sind. Aber so, wie sich nicht unbedingt jeder Mensch vor einem H\u00e4ndedruck mit einem Menschen ekelt, den er nicht explizit liebt, ekelt sich eben auch nicht jeder Mensch vor Sex mit einem Menschen, den er nicht explizit liebt. Im Gegenteil, es gibt Menschen, die daraus Lust ziehen \u2013 auch Frauen.<\/p>\n<p>Wenn du f\u00fcr dich Sex ablehnst, wenn er nicht mit \u201cwahrem, beiderseitigem, liebend-innigem Begehren\u201d verbunden ist, was ich nach deinen Ausf\u00fchrungen stark annehme, dann hast du genau deshalb ein moralisches Problem mit Prostitution, weil Prostitution diese Sorte von Sex auslebt. Prostitution ist die institutionalisierte Trennung von Liebe und Sex und das ist, was dir daran aufst\u00f6\u00dft. Das ist okay, du mu\u00dft dich selbst nicht prostituieren, wenn du nicht willst, niemand zwingt dich dazu. Aber deine pers\u00f6nliche Einstellung, dein negatives Werturteil \u00fcber Sex ohne Liebe legitimiert weder ein Prostitutionsverbot, noch die gesellschaftliche \u00c4chtung der Prostitution.<\/p>\n<p>Liebe Gr\u00fc\u00dfe,<br \/>\nCarmen (Sexarbeiterin).<\/p>\n<p>[<a href=\"http:\/\/antjeschrupp.com\/2013\/10\/31\/funf-thesen-zum-thema-prostitution\/#comment-71668\">Link<\/a>]<\/p>\n<h2>Kommentar vom 3. November 2013 um 12:23<\/h2>\n<p>Liebe Antje, du schriebst:<\/p>\n<blockquote><p>Mit einem Verst\u00e4ndnis von Prostitution, das das beidseitige Begehren auf Sex in dieser Art und Weise in dieser pers\u00f6nlichen Konstellation und zu diesem Zeitpunkt zur Grundlage hat, h\u00e4tte ich \u00fcberhaupt kein Problem, ich bezweifle aber stark, dass das ein funktionierendes Gesch\u00e4ftsmodell w\u00e4re.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich denke, dass die Gruppe der Sexarbeiter_innen, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben, die Lust dabei empfinden und darin aufgehen, gr\u00f6\u00dfer ist, als weithin angenommen. Ich arbeite immerhin selbst in dem Job und ich kenne einige Kolleg_innen, die \u00c4hnliches von sich berichten und die Sexarbeit jeder anderen Erwerbst\u00e4tigkeit vorziehen \u2013 und zwar nicht, weil es ihnen an Optionen oder Bildung mangeln w\u00fcrde!<\/p>\n<p>Aber selbst wenn ein_e Sexarbeiter_in kein sexuelles Begehren bei einem Kundenkontakt empfindet, kann es f\u00fcr sie trotzdem v\u00f6llig okay sein, in diesem Job zu arbeiten. Denn kein Begehren zu empfinden, hei\u00dft noch nicht gleich, Ekel oder Abneigung \u00fcberwinden zu m\u00fcssen. T\u00e4tigkeiten k\u00f6nnen akzeptabel genug sein, als dass wir uns vorstellen k\u00f6nnen, mit ihnen unseren Lebensunterhalt zu verdienen \u2013 auch wenn sie uns nicht explizit Lust bereiten, wir nicht explizit in ihnen aufgehen: Kellnern, Call-Centern, Kassieren, Nieren opperieren\u2026<\/p>\n<p>Was f\u00fcr jeden als Erwerbst\u00e4tigkeit akzeptabel erscheint und was nicht, mu\u00df m.E. jedem selbst \u00fcberlassen bleiben. Wer sind wir, anderen diese Entscheidung abzunehmen und sie so ihrer M\u00fcndigkeit zu berauben. Menschen haben ein Recht auf Selbstbestimmung, auch dann, wenn sie sich f\u00fcr etwas entscheiden, was wir uns f\u00fcr uns selbst nicht vorstellen k\u00f6nnen. Warum sollten Frauen (und Menschen anderen Geschlechts) in der Sexarbeit nicht f\u00e4hig sein, diese Entscheidung f\u00fcr sich zu treffen? Ich kann mir z.B. nicht vorstellen, \u00c4rztin, Polizistin oder Berufsmusikerin zu werden, trotzdem verbiete ich das niemandem.<\/p>\n<blockquote><p>Prostitution, die in dieses kulturelle Trennen von Sex und Liebe den Faktor Geld einf\u00fchrt, ist nicht die Institutionalisierung der Trennung von Sex und Liebe, sondern die Kapitalisierung der Tatsache, dass in der Gesellschaft allgemein diese Trennung gerade nicht praktiziert wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja, ich bin auch generell kapitalismuskritisch. Aber eine Kapitalismuskritik, der man sich nur im Zusammenhang mit Sexarbeit erinnert, ist eine doppelb\u00f6dige. Solange wir in einer kapitalistischen Gesellschaft leben und also unser \u00dcberleben davon abh\u00e4ngt, dass wir f\u00fcr Geld arbeiten, mu\u00df es Menschen m\u00f6glich sein, ihren Lebensunterhalt auf eine f\u00fcr sie akzeptable Weise zu verdienen \u2013 solange das legal ist.<\/p>\n<p>Prostitution ist legal, und zwar nicht erst seit dem Prostitutionsgesetz von 2002, sondern (mit Unterbrechungen) seit den ver\u00e4nderten Hygienevorschriften von 1927. Illegal ist hingegen nach wie vor alles, was innnerhalb und au\u00dferhalb der Prostitution ausbeuterisch oder unfreiwillig geschieht: N\u00f6tigung, Vergewaltigung, Ausbeutung der Arbeitskraft, Menschenhandel. An zwei Menschen, die sich Kraft ihrer Wassersuppe entscheiden, Geld gegen Sex zu tauschen, sehe ich weder etwas Illegales, noch etwas Illegitimes.<\/p>\n<p>Wenn Sex dir nicht heilig ist und du Prostitution nicht aus moralischen Gr\u00fcnden ablehnst, wie du schreibst, was ist dann an Sex dran, das dich glauben macht, du m\u00fc\u00dftest ihn vor kapitalistischer Vermarktung sch\u00fctzen? Was ist dieses Etwas, wenn es keine Ehrfurcht ist? Dass nicht alle Menschen sich mit ihrem Job selbstverwirklichen, ist ja kein legitimer Grund, allen Menschen die Arbeit in diesen Branchen zu verbieten. Sinnvoller f\u00e4nde ich es, sich generell f\u00fcr ein freieres, selbstbestimmteres, gerechteres Arbeiten in unserer (leider kapitalistischen) Gesellschaft stark zu machen.<\/p>\n<p>In der Prostitutionsdebatte wird h\u00e4ufig danach gefragt, ob Prostitution ein normaler Beruf sei. Was ist ein normaler Beruf? \u00c4rztin, Profisportlerin, Soldatin, Hochspannungsleitungsinspekteurin, Lehrerin, Bisch\u00f6fin? Die Feststellung, das Prostitution kein \u201cnormaler\u201d Beruf ist, geht m.E. am Kern der Debatte v\u00f6llig vorbei. Denn worum es uns Sexarbeiter_innen geht, was uns Prostitutionsgegnerinnen mit der Argumentation \u201cBegleitkriminalit\u00e4t\u201d und \u201cMenschenhandel\u201d vorenthalten m\u00f6chte, ist Gleichberechtigung!<\/p>\n<p>Wir fordern gleiche Rechte, wie alle anderen arbeitenden Menschen auch. Wir wollen unsere Gesch\u00e4fte durchf\u00fchren d\u00fcrfen, wo andere das auch d\u00fcrfen \u2013 nicht \u201czum Schutze der Jugend und der \u00f6ffentlichen Ordnung\u201d durch Sperrbezirke beschr\u00e4nkt werden. Wir wollen, dass f\u00fcr uns die Abgabenordnung gilt, wie f\u00fcr alle anderen Menschen auch \u2013 nicht Sonderbesteuerungsverfahren \u00e0 la D\u00fcsseldorfer Verfahren. Wir wollen, dass die Polizei uns gegen\u00fcber die gleichen Rechte hat, wie anderen Menschen gegen\u00fcber auch \u2013 und nicht einfach anla\u00dflos zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Maschinengewehren in unsere R\u00e4ume st\u00fcrmen kann. Wir wollen, dass der Betrieb unserer Arbeitsst\u00e4tten nach der Gewerbeordnung reguliert wird, nicht nach dem Dortmunder Modell. Wir wollen, dass unsere Kunden unsere Dienstleistungen nach den Regeln des Marktes kaufen k\u00f6nnen und nicht nach dem Schwedischen Modell kriminalisiert werden.<\/p>\n<p>W\u00e4re Prostitution als Beruf anerkannt (ob normal oder unnormal), br\u00e4uchte es all diese Sonderverfahren und Modelle nicht. Prostitution w\u00e4re dann nicht etwa \u201cdereguliert\u201d, wie Alice Schwarzer behauptet, sondern genauso reguliert wie andere Berufe auch \u2013 gleichgestellt. Das ist sie trotz Legalit\u00e4t nicht und DAS ist der Kern der Debatte.<\/p>\n<p>[<a href=\"http:\/\/antjeschrupp.com\/2013\/10\/31\/funf-thesen-zum-thema-prostitution\/#comment-72046\">Link<\/a>]<\/p>\n<h2>Kommentar vom 6. November 2013 um 18:57<\/h2>\n<p>Liebe Antje!<\/p>\n<blockquote><p>[&#8230;] es ist sicherlich nur eine winzig kleine Minderheit unter den Frauen, die auf diese Weise Geld verdienen. Damit kann man imho nicht argumentieren, wenn es um eine kulturelle Bewertung von Prostitution generell geht, das Argument \u201cSexarbeiterinnen haben in der Regel riesigen Spa\u00df an Sex mit ihren Kunden\u201d ist auf der Pro-Sexarbeit-Seite das \u00c4quivalent zum Argument \u201cAlle Prostituierten sind Opfer und werden zu dieser T\u00e4tigkeit von b\u00f6sen M\u00e4nnern gen\u00f6tigt\u201d auf der Gegenseite.<\/p><\/blockquote>\n<p>Man kann imho auch nicht damit argumentieren, dass es gerechtfertigt sei die Prostitution zu verbieten, weil so viele Sexarbeiter_innen in ihrem Job nicht so aufgehen wie ich. Wir verbieten auch nicht die Arbeit an der Kasse im Supermarkt oder auf dem Bau oder an der Plastesortiermaschine, nur weil ein Gro\u00dfteil der Menschen dort &#8222;nur wegen des Geldes&#8220; arbeitet und nicht etwa aus Erf\u00fcllung eines pers\u00f6nlichen Lebenstraums. Und was hei\u00dft \u00fcberhaupt &#8222;Mehrheit&#8220;? Generell ist es problematisch, in der Prostitutionsdebatte mit Zahlen zu argumentieren. Denn es gibt keine empirischen Studien dazu. Wir wissen \u00fcberhaupt nicht, wieviele Menschen dauerhaft oder kurzzeitig in der Prostitution arbeiten.<\/p>\n<p>90% Zwangsprostituierte? Es gibt daf\u00fcr keine Belege! Du glaubst mir nicht, wenn ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen und Kontakte innerhalb der Prostitution sage, die Mehrheit arbeite freiwillig. Okay. Aber auf welcher Grundlage glaubst du dir selbst, wenn du behauptest, dass die Minderheit Spa\u00df an dem Job hat? Wieviele Huren kennst du denn pers\u00f6nlich? Fakt ist, alle Sexarbeiter_innen, die ich kenne, wollen einfach in Ruhe, legal und ohne Schikane arbeiten, freiwillig &#8211; Spa\u00df hin oder her!<\/p>\n<p>Ich behaupte n\u00e4mlich gar nicht, dass Sexdienstleister_innen in der Regel riesigen Spa\u00df an ihrem Job haben. Sondern ich spreche mich daf\u00fcr aus, dass auch die, die nicht unbedingt Spa\u00df an ihrem Job haben, ihn aber f\u00fcr sich als okay empfinden, ein Recht auf Rechte, auf saubere und sichere Arbeitsbedingungen, ein Recht auf gerechten Lohn, ein Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft, ein Recht auf Akzeptanz und Respekt, ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, ein Recht auf legalen Status haben. Man erweist uns Sexworkern &#8211; egal ob wir auf der Stra\u00dfe arbeiten, im Bordell, im Studio, im Sternehotel, im Club oder vor der Kamera &#8211; keinen Dienst, wenn man Prostitution oder den Kauf sexueller Dienstleistungen verbietet. Es geht uns als gesellschaftlich Ge\u00e4chtete in der Illegalit\u00e4t ohne Verdienstm\u00f6glichkeiten nicht besser, im Gegenteil.<\/p>\n<blockquote><p>Das Argument, Prostitution sei ein \u201cnormaler\u201d Beruf kommt ja nicht von mir, sondern von der Pro-Sexarbeit-Fraktion.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nein, nein, das siehst du ganz falsch. Das Argument kommt nicht von uns Sexworkern. Es ist vielmehr so, dass Prostitutionsgegner_innen uns unstellen, wir w\u00fcrden behaupten, Prostitution sei ein &#8222;normaler&#8220; Beruf. Das tun sie, um unsere Position zu delegitimieren, weil ja wohl jeder &#8222;normale&#8220; Mensch sofort sehen k\u00f6nne, dass das kein &#8222;normaler&#8220; Beruf sei. Unsere Position zur Frage der &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; ist Enthaltsamkeit. Wir fragen nicht danach wie &#8222;normal&#8220; ein Beruf ist, wenn wir f\u00fcr unsere Existenzrechte k\u00e4mpfen. Wir fragen ja auch nicht nach der &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; von Homosexualit\u00e4t, wenn es um die Frage geht, ob das verboten sein sollte oder nicht.<\/p>\n<p>Unser Argument geht so: Dass Prostitution von der Mehrheit der Gesellschaft nicht als &#8222;normaler&#8220; Beruf anerkannt wird, hat historisch-kulturelle Gr\u00fcnde und h\u00e4ngt in erster Linie mit der Jahrhunderte alten Tabuisierung der Sexualit\u00e4t und der traditionellen Entrechtung Prostituierter zusammen. Aber selbst wenn Prostitution noch nicht als &#8222;normaler&#8220; Beruf anerkannt ist, ist das kein Grund daf\u00fcr, dass er anderen Berufen rechtlich nicht gleichgestellt ist. Denn erst durch eine rechtliche Gleichstellung mit anderen Berufen (die noch immer unerreicht ist und die es nie gab) k\u00f6nnte sich zeigen, ob Prostitution nicht irgendwann ein als &#8222;normal&#8220; betrachteter Beruf werden k\u00f6nnte. Diejenigen, die uns gleiche Rechte verwehren, tun das nicht, weil Prostitution kein &#8222;normaler&#8220; Beruf ist, sondern weil sie m\u00f6chten, dass es kein &#8222;normaler&#8220; Beruf bleibt. Logisch, alles was rechtlich sonderbehandelt wird, gilt als nicht &#8222;normal&#8220;. Auch Schwul-Sein gilt heute noch nicht \u00fcberall als &#8222;normal&#8220;. Und es gab Zeiten, da galt es als nicht &#8222;normal&#8220;, dass Frauen w\u00e4hlen durften.<\/p>\n<blockquote><p>Ich will, dass Sex etwas ist, das zwei (oder mehr) Menschen gemeinsam machen und nicht, was die einen f\u00fcr die anderen machen \u2013 was aber die Grundlage von Arbeitsteilung und Erwerbsarbeit ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch du willst nicht, dass sexuelle Dienstleistungen als eine von vielen &#8222;normalen&#8220; Formen der sexuellen und\/oder beruflichen Bet\u00e4tigung anerkannt wird. Du m\u00f6chtest nicht, dass wir gleiche Rechte genie\u00dfen. Aber ist &#8222;ich will das nicht&#8220; ein legitime Begr\u00fcndung daf\u00fcr, Menschen in ihrer sexuellen und sonstigen Selbstbestimmung einzuschr\u00e4nken? Es gibt auch Menschen, die wollen nicht, dass Schwule Kinder adoptieren d\u00fcrfen und trotzdem ist es richtig, daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen, dass das generell erlaubt sei.<\/p>\n<p>Warum darf Fensterputzen, Massieren, Burgerbraten, Zehn\u00e4gellackieren, Musizieren, Opperieren oder Ghostwriten Grundlage von Arbeitsteilung sein, aber nicht sexuelle Befriedigung? Warum nicht Sex? &#8222;Ich will das nicht&#8220; ist doch keine Begr\u00fcndung! Es mu\u00df doch einen rationalen Grund daf\u00fcr geben oder treibt dich nur eine irrationale Angst vor der sexuellen Enthemmtheit unserer Gesellschaft? Was ist schlimm am Angebot sexueller Dienstleistungen? Solange niemand dich zwingt, das zu tun oder in Anspruch zu nehmen, solange niemand deine sexuelle Selbstbestimmung einschr\u00e4nkt &#8211; was k\u00fcmmert es dich!?<\/p>\n<blockquote><p>Das bezweifle ich auch nicht, aber es ist genau dieses neoliberale \u201cFreiheits\u201d-Argument, wonach die Freiwilligkeit individueller Entscheidungen gleichgesetzt werden mit \u201cist doch v\u00f6llig okay\u201d. [&#8230;] Und das Thema betrifft nicht nur die Beteiligten, sondern auch mich, zum Beispiel wenn ich mich im \u00f6ffentlichen Raum mit Bordellwerbung [&#8230;] konfrontiert sehe.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich halte die individuelle Freiheit jedes Einzelnen f\u00fcr ein sehr hohes Gut und sehe keinen Grund sie unn\u00f6tig einzuschr\u00e4nken, solange die individuelle Freiheit anderer dadurch nicht ernsthaft bedroht ist. Was ist denn nicht okay daran, dass ich f\u00fcr mich entscheide, das mit der Prostitution tun zu wollen? Der einzige Punkt, an dem du deine pers\u00f6nliche Betroffenheit als Argument ausspielen kannst, ist der der \u00f6ffentlichen Werbung. Ich verstehe, dass dir obsz\u00f6ne Bordellwerbung oder sexualisierte Darstellungen von Frauen unangenehm aufsto\u00dfen. Das geht mir auch h\u00e4ufig so.<\/p>\n<p>Aber, nach <a href=\"http:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/owig_1968\/__119.html\">\u00a7119 OWiG<\/a> ist es bereits jetzt ordnungswidrig, \u00f6ffentlich f\u00fcr sexuelle Dienstleistungen zu werben, wenn dies a) &#8222;geeignet ist, andere zu bel\u00e4stigen&#8220; oder b) &#8222;in grob anst\u00f6\u00dfiger Weise&#8220; geschieht. Selbst wenn du diese Ordnungswidrigkeit in ein Verbot umwandelst und niemand mehr f\u00fcr Sexdienstleistungen wirbt, wirst du dich immer noch von Axe-Werbung oder Passionata-Werbung oder \u00e4hnlicher, maskuline Phantasien spiegelnder Plakatierung im \u00f6ffentlichen Raum bel\u00e4stigt f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Dass die Stadt derart mit &#8222;Idealfrauen&#8220; gepflastert ist und wir Feministinnen uns durch eine Flut sexistischer Darstellungen zu Recht oft angegriffen f\u00fchlen, kann man also schwerlich allein der Existenz legaler Prostitution anlasten. Es macht demzufolge aber auch keinen Sinn, dieses Ph\u00e4nomen allein in Bezug auf Prostitution zu bek\u00e4mpfen. Kl\u00fcger erscheint es mir, der Werbebranche ins Gewissen zu reden und f\u00fcr einen nicht-diskriminierenden Umgang mit menschlicher Sexualit\u00e4t im \u00f6ffentlichen Raum einzutreten.<\/p>\n<p>Aber die rechtliche Diskriminierung von Prostituierten zu akzeptieren oder sogar gutzuhei\u00dfen, weil nicht alle in ihrem Job aufgehen, weil du das eben nicht willst, dass Sex Gegenstand von Arbeitsteilung ist und weil du dich von Bordellwerbung pers\u00f6nlich bel\u00e4stigt f\u00fchlst. Das ist dein Grund daf\u00fcr, unsere Freiheit einzuschr\u00e4nken!?<\/p>\n<p>[<a href=\"http:\/\/antjeschrupp.com\/2013\/10\/31\/funf-thesen-zum-thema-prostitution\/#comment-72648\">Link<\/a>]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die feministische Bloggerin Antje Schrupp hat einen Artikel &#8222;F\u00fcnf Thesen zu Prostitution&#8220; ver\u00f6ffentlicht. 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