{"id":771,"date":"2013-08-12T15:58:04","date_gmt":"2013-08-12T13:58:04","guid":{"rendered":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=771"},"modified":"2013-09-06T15:42:41","modified_gmt":"2013-09-06T13:42:41","slug":"juanita-henning-uber-den-warencharakter-der-prostitution-auszuge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=771","title":{"rendered":"Juanita Henning \u00fcber den Warencharakter der Prostitution (Ausz\u00fcge)"},"content":{"rendered":"<p>Wenn Alice Schwarzer (EMMA), Lea Ackermann (SOLWODI), Alexandra Schewtschenko (FEMEN), Sabine Constabel (Sozialarbeiterin) und andere Frauen im Namen des Feminismus gegen Prostitution zu Felde ziehen, tun sie das h\u00e4ufig mit Slogans wie &#8222;Die Frau ist keine Ware&#8220; oder &#8222;Prostitution ist Sklaverei&#8220;. Sie verurteilen den Kauf und Verkauf von Frauen und Kindern in der Prostitution durch M\u00e4nner, die deren Zuh\u00e4lter oder Freier sind. Die st\u00e4ndige Iteration dieser erniedrigenden, dem\u00fctigen Phrasen l\u00f6st Aggressionen in mir aus, denn sie sind nicht einfach nur falsch, sondern verfestigen das gesellschaftliche Bild von der Prostituierten als Objekt und defizit\u00e4rer Mensch und damit das Stigma. Ich habe es soo satt! Zu behaupten, die Frau sei Ware ist sowas von politisch unkorrekt &#8211; niemand in unserer Gesellschaft, au\u00dfer diesen vermeintlich feministischen Prostitutionsgegnerinnen, tut das heute noch ernsthaft. Und damit mu\u00df jetzt endlich mal Schlu\u00df sein!<!--more--><\/p>\n<p>In ihrem <a href=\" http:\/\/www.donacarmen.de\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Vortrag-LINKE-II-Juni-2012.pdf\">Vortrag zum spezifisch historischen Wesen der Prostitution<\/a> [PDF] erkl\u00e4rt Juanita Henning vom <a href=\"http:\/\/www.donacarmen.de\">Dona Carmen e.V.<\/a> sehr ausf\u00fchrlich, welch paternalistische Weltbilder im Hintergrund solcher Slogans stehen und warum die Rede von der &#8222;Ware Frau&#8220; das Stigma verst\u00e4rkt. Da sie es schon so sch\u00f6n in Worte gefa\u00dft hat, m\u00f6chte ich hier einfach einige Ausz\u00fcge aus ihrem Vortrag posten, die in meinen Augen die Essenz der Kritik zusammenfassen.<\/p>\n<h2>Juanita Henning: Was macht das spezifisch historische Wesen der Prostitution aus?<\/h2>\n<blockquote><p>\u00bb In der Prostitution werde die Frau zur k\u00e4uflichen Ware, hei\u00dft es seitens feministischer Kritiker\/innen. Je nach Sichtweise wird mal die Frau, mal ihr K\u00f6rper, mal die Sexualit\u00e4t, mal die Liebe, mal Gott wei\u00df was zur \u201aWare\u2018. [\u2026] Doch [\u2026] weder die Frau, noch ihr K\u00f6rper werden zur Ware und als solche \u201averkauft\u2018. Was Frauen in der Prostitution tats\u00e4chlich verkaufen, ist eine sexuelle Dienstleistung. Und zwar als eine von den Frauen mit ihrem Gegen\u00fcber ausgehandelte, somit selbst bestimmte und vertraglich vereinbarte, zeitlich begrenzte Nutzung ihrer sexuellen Dienstleistung zum Zwecke der Befriedigung [\u2026]. Die inflation\u00e4re Verwendung des vermeintlich kritischen Begriffs der \u201aWare\u2018 vermag nicht dar\u00fcber hinwegzut\u00e4uschen, [\u2026]. [Es geht] doch selten um eine historische Kritik der gesellschaftlichen Formation kapitalistischer Warenproduktion [\u2026]. Das H\u00f6chste, wozu diese Kritik gelangt, ist die moralische Denunziation der Warenform. \u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Zum Unterschied zwischen Waren und Dienstleistungen<\/p>\n<blockquote><p>\u00bb Die Anwendung des Begriffs \u201aWare\u2018 auf die Verh\u00e4ltnisse in der Prostitution m\u00fcsste allerdings zur Kenntnis nehmen, dass hier eine nicht-gegenst\u00e4ndliche Dienstleitung verkauft wird, die f\u00fcr sich genommen zun\u00e4chst gar keine Ware ist. [\u2026] \u201aWaren\u2018 im Sinne der Marx\u2019schen Theorie entstehen nur in der materiellen Produktion der Naturaneignung unter der spezifisch historischen Bedingung einer Produktion unabh\u00e4ngiger, vereinzelter Privatproduzenten. \u201aDienstleistungen\u2018 &#8211; mithin auch \u201asexuelle Dienstleistungen\u2018 &#8211; [\u2026] sind mithin besondere Waren, deren \u201aWarencharakter\u2018 erst durch den eigentlich sekund\u00e4ren Akt der Ver\u00e4u\u00dferung auf dem Markt entsteht [\u2026]. Die im Kapitalismus zweifellos \u201awarenf\u00f6rmige\u2018 prostitutive Dienstleistung hat [\u2026] einen \u00fcber den Markt festgesetzten Preis, \u00fcber den die Frau, die ihre sexuellen Dienstleistungen ver\u00e4u\u00dfert, an der Umverteilung des gesellschaftlich erzeugten Reichtums teilhat. Daraus folgt jedoch nicht, dass die Person, die eine Dienstleistung ver\u00e4u\u00dfert, sich dabei selbst als Person mit verkauft. Dies ist weder bei einem \u00f6ffentlich auftretenden S\u00e4nger, noch bei einem Rat gebenden Anwalt der Fall. Die Besonderheit der Intimit\u00e4t, die die sexuelle Dienstleistung auszeichnet, \u00e4ndert an diesem allgemeinen Verh\u00e4ltnis nichts [\u2026]. \u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Zuschreibung eines Objektstatus als Stigmatisierung<\/p>\n<blockquote><p>\u00bb Die Rede davon, dass Frauen in der Prostitution sich bzw. ihren \u201aK\u00f6rper\u2018 verkaufen und somit selbst in Persona zur Ware w\u00fcrden, suggeriert einen blo\u00dfen Objektstatus dieser Frauen. Die Person ist nichts au\u00dferhalb ihres K\u00f6rpers. Wird unterstellt, der K\u00f6rper w\u00fcrde verkauft, so wechselt zugleich die Person den Besitzer. Das aber k\u00e4me einem Sklaverei-Verh\u00e4ltnis gleich. Es ist auffallend und bezeichnend, dass nur im Falle der Prostitution die Ent\u00e4u\u00dferung einer Dienstleistung als Ent\u00e4u\u00dferung der dienstleistenden Person dargestellt wird. [\u2026] Nur durch diese unzul\u00e4ssige Vertauschung gelingt die Konstruktion eines sklavenartigen Verh\u00e4ltnisses, in dem die Prostituierte sich angeblich befindet. Es ist diese [\u2026] Zuschreibung eines vermeintlichen Objektstatus, nicht aber die damit vorgeblich bezeichnete Realit\u00e4t prostitutiven Handelns, die damit den Frauen in der Prostitution jegliche eigene Subjektivit\u00e4t und jedes selbstbestimmte, bewusste Handeln abzusprechen versucht. Derart des Verlustes ihrer Subjektivit\u00e4t und Selbstbestimmung bezichtigte Frauen erfahren auf diese Weise eine [\u2026] Abwertung ihrer Person, ihres Handelns, ihrer Existenz. Eine solche umfassende Abwertung bef\u00f6rdert die gesellschaftliche Stigmatisierung von Frauen in der Prostitution.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>\u00bb Die feministische Fixierung auf die \u201aPerson\u2018 der Frau bzw. deren \u201aK\u00f6rper\u2018, der im Prostitutionsverh\u00e4ltnis zur Ware und als solche \u201averkauft\u2018 wird, scheint [\u2026] den Nachweis erbracht zu haben, dass es sich bei Prostitution um \u201emoderne Sklaverei\u201c handelt. Prostitution wird als systemwidrige Abweichung von der b\u00fcrgerlichen Tauschlogik denunziert. [\u2026] Als \u00dcberbleibsel vergangener Zeiten erweist sich Prostitution als ein von der Norm des b\u00fcrgerlichen Tausches abweichende Regelverletzung, der das fehlen soll, was die b\u00fcrgerliche Epoche zu begr\u00fcnden beansprucht: die Selbstbestimmung des Individuums und der darauf gegr\u00fcndete freie Wille. Indem man annimmt, Prostituierte w\u00fcrde in den \u201aVerkauf\u2018 ihres K\u00f6rpers einwilligen, unterstellt man einen von aller Subjektivit\u00e4t und Personalit\u00e4t entledigten blo\u00dfen Objektstatus dieser Frauen. Von Selbstbestimmung und freiem Willen k\u00f6nne bei ihnen grunds\u00e4tzlich keine Rede sein. \u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Abwertung und Marginalisierung der Selbstbestimmten<\/p>\n<blockquote><p>\u00bb Frauen in der Prostitution gelten in b\u00fcrgerlichen Gesellschaften allenthalben als \u201adefizit\u00e4r\u2018. [\u2026] [Es existieren] mannigfaltige Theorien, um den defizit\u00e4ren Charakter, die defizit\u00e4re Verstandeskraft, die defizit\u00e4re k\u00f6rperliche Verfassung, die defizit\u00e4ren wirtschaftlichen Umst\u00e4nde, die defizit\u00e4ren Familienstrukturen, die defizit\u00e4re prim\u00e4re Sozialisation, die defizit\u00e4re psychische Stabilit\u00e4t und nicht zuletzt die defizit\u00e4re Selbstwahrnehmung der Prostituierten unter Beweis zu stellen. [\u2026] Solcherart als \u201adefizit\u00e4r\u2018 vorgestellte \u201aProstituierte\u2018 werden &#8211; da man sie sich ohnehin nur als Objekte denken kann &#8211; von den Institutionen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft bedenkenlos und mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit als Objekte behandelt und ihrer Selbstbestimmung beraubt. Als gleichsam geborene \u201aOpfer\u2018 der eigenen Defizite oder aber misslicher gesellschaftlicher Umst\u00e4nde, derer sie sich aufgrund eigener Defizite angeblich nicht erwehren k\u00f6nnen, ist Frauen in der Prostitution entweder die Rolle der normbrechenden T\u00e4terin, die man kriminalisiert, oder aber die Rolle des Hilfe erwartenden Opfers zugedacht, das ungefragt zum Objekt institutioneller Zwangs-F\u00fcrsorge wird. \u00ab<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>\u00bb Entziehen sich Frauen in der Prostitution ihnen zugedachten Rollenzuweisungen, indem sie sich als selbstbestimmte, bewusst handelnde und vollwertige Mitglieder dieser Gesellschaft darstellen, so werden sie [\u2026] als nicht zu verallgemeinernde Ausnahme von der Regel marginalisiert oder als anma\u00dfend und daher unglaubw\u00fcrdig auftretende Personen abgetan und abgestempelt. [\u2026] Die auf den \u201aWarencharakter\u2018 verweisende Kritik der Prostitution befestigt die Objektrolle, die den in dieser Profession t\u00e4tigen Frauen [\u2026] ohnehin zugedacht ist. Die Kritik w\u00e4hnt sich radikal, tats\u00e4chlich transportiert sie eine konservative Einstellung gegen\u00fcber Prostitution. [\u2026] Der konservative Charakter [\u2026] dokumentiert sich nicht zuletzt darin, dass sie eine blo\u00df moralische Kritik ist. Sie ver\u00fcbelt den Betroffenen ihr Handeln und glaubt sich daher berechtigt, Prostitution [\u2026] \u00f6ffentlich an den Pranger zu stellen und Prostituierte [\u2026] als defizit\u00e4re, hilfsbed\u00fcrftige Opfer zu stigmatisieren. Damit tr\u00e4gt sie bei zur Schaffung der Voraussetzungen f\u00fcr eine [\u2026] Bek\u00e4mpfung und Verfolgung von Prostitution. \u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich denke, es wird hierdurch klar, wo die Grenze zwischen Prostitution und Sexarbeit auf der einen und Menschenhandel und Sklaverei auf der anderen Seite verl\u00e4uft. Die simplifizierende und relativierende Gleichsetzung von Prostitution mit Sklaverei und sexuellen Dienstleistungen mit sexueller Ausbeutung ist unzul\u00e4ssig. Wenn man, wie die oben genannten Prostitutionsgegnerinnen, aber davon ausgeht, dass jede sexuelle Dienstleistung ein Akt der Ver\u00e4u\u00dferung der dienstleitenden Person sei, also Sklaverei, dann ist auch klar, warum man uns Sexarbeitern keinen eigenen Willen und keine Selbstbestimmung zugesteht. Dann ist auch klar, warum wir so vehement viktimisiert und unsere Profession ge\u00e4chtet wird. Feministisch ist das nicht!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Alice Schwarzer (EMMA), Lea Ackermann (SOLWODI), Alexandra Schewtschenko (FEMEN), Sabine Constabel (Sozialarbeiterin) und andere Frauen im Namen des Feminismus gegen Prostitution zu Felde ziehen, tun sie das h\u00e4ufig mit Slogans wie &#8222;Die Frau ist keine Ware&#8220; oder &#8222;Prostitution ist Sklaverei&#8220;. 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