{"id":659,"date":"2013-05-26T20:27:23","date_gmt":"2013-05-26T18:27:23","guid":{"rendered":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=659"},"modified":"2013-05-30T19:27:44","modified_gmt":"2013-05-30T17:27:44","slug":"wenn-dann-schreibt-uber-meine-politische-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=659","title":{"rendered":"Wenn, dann schreibt \u00fcber meine politische Arbeit&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Ein Blogbeitrag \u00fcber meine Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit mit dem SPIEGEL zum Thema Prostitutionspolitik, die mich desillusioniert h\u00e4tten, wenn ich es nicht schon gewesen w\u00e4re. Er soll demonstrieren, wie ernst man beim SPIEGEL als Mensch mit politischen Meinungen jenseits des Mainstreams genommen wird. Der Artikel, auf den ich mich zentral beziehe, tr\u00e4gt den Titel &#8222;Dunkle Phantasien&#8220; [SPIEGEL 22\/2013, S. 62] und ist von Sven Becker verfa\u00dft. Er ist wenn, dann kein besonders heller Lichtblick in einer Serie von hoch-tendenzi\u00f6sen Artikeln, mit denen sich der aktuelle SPIEGEL unter dem Aufmacher &#8222;BORDELL DEUTSCHLAND: Wie der Staat Frauenhandel und Prostitution f\u00f6rdert&#8220; als Sprachrohr konservativer Sicherheits- und Repressionsspolitik an vorderste Front stellt.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/courtisane.de\/blog\/media\/liebe-journalisten.png\" \/><br \/>\n<small>[<a href=\"https:\/\/twitter.com\/courtisane_de\/status\/336971080940007424\">Beitrag auf Twitter lesen<\/a>]<\/small><\/p>\n<p>Er interessiere sich f\u00fcr meine politische Arbeit bei der Piratenpartei und wolle sich deswegen mit mir zu einem Gespr\u00e4ch treffen, schrieb mir Spiegelredakteur Sven Becker bei der ersten Kontaktaufnahme via E-Mail am 4. Dezember des letzten Jahres. Sp\u00e4ter k\u00f6nne man schauen, was f\u00fcr einen Artikel man daraus mache. Ich antwortete ihm Folgendes:<\/p>\n<blockquote><p>Hallo Sven,<\/p>\n<p>im Teampad <a href=\"https:\/\/prostitution.piratenpad.de\/portal\">https:\/\/prostitution.piratenpad.de\/portal<\/a> finden sie alle Informationen zu meiner Arbeit bei der Piratenpartei, um sich vorab ein Bild zu machen. Dort sind die Antr\u00e4ge verlinkt, die ich z.T. mit anderen Mitgliedern und Sexarbeitern erarbeitet habe. Es finden sich auch eine umfangreiche Quellensammlung und ein Podcast. Ich bin gerne bereit, mit ihnen \u00fcber meine Gedanken zur Prostitutionspolitik, die Sexworker-Rights-Bewegung, Diskriminierung von Sexarbeitern, Emanzipation, strukturelle Besonderheiten der Piratenpartei sowie \u00e4hnlich sachbezogene Themen zu sprechen. Ich begreife das als Chance, Argumente anstelle von Vorurteilen in die \u00f6ffentliche Debatte \u00fcber Prostitution einzubringen und Einblicke in einen Beruf zu erm\u00f6glichen, der den meisten Menschen verborgen bleibt.<\/p>\n<p>Was ich nicht liefern m\u00f6chte, ist eine Geschichte \u00fcber mich und mein Privatleben. Ich bin nicht bereit, mich zur Projektionsfl\u00e4che jedweder Klischees zu machen. Ich werde keine Fragen zu meiner Person beantworten, die Aspekte jenseits meiner prostitutiven\/politischen T\u00e4tigkeit betreffen. Wenn sie sich darauf einlassen k\u00f6nnen, bin ich gerne bereit, mich mit ihnen an einem Freitag in PBerg oder Mitte auf einen Kaffee zu treffen.<\/p>\n<p>Liebe Gr\u00fc\u00dfe,<br \/>\nCarmen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Er sei mit meinen Bedingungen einverstanden, antwortete er mir am 5. Dezember 2012. Wir verabredeten uns zu einem Kaffee und redeten zwei Stunden und es war eigentlich ganz nett. Sven Becker machte keinen dummen Eindruck und schien sich tats\u00e4chlich f\u00fcr meine Argumente zu interessieren. Dann passierte lange nichts&#8230; Und dann wurde es pl\u00f6tzlich ganz dolle schnell, sofort, dringend und WICHTIG!!!<\/p>\n<p>Am 21. Mai diesen Jahres schickte mir Sven meine Zitate zur Genehmigung. Zum Gl\u00fcck ist das im seri\u00f6sen Journalismus so \u00fcblich! <i>\u00abIck habe mir jedacht, bevor ich in einer Frittenbude jobbe, mach\u2019 ich lieber dit hier\u00bb<\/i>, gab mich der junge Mann mit den blonden Str\u00e4hnen im Berliner Dialekt wieder. Nachdem ich meine Kinnlade vom Boden aufgesammelt hatte, antwortete ich ihm Folgendes:<\/p>\n<blockquote><p>Lieber Sven,<\/p>\n<p>oh je, das liest sich ja Springer als ich gehofft hatte. Hatte ich nicht mehrfach betont, dass ich mir einen seri\u00f6sen Artikel \u00fcber mein Thema w\u00fcnsche und keinen \u00fcber meine Person? Ich hatte dir zugetraut, einen solchen zu verfassen und bin entt\u00e4uscht. Ich werfe dir nichts vor. Es war ein Experiment und Experimente scheitern. Daraus lernt man.<\/p>\n<p>Ich bin inhaltlich mit meinen Zitaten einverstanden, auch wenn ich sicherlich interessantere Dinge als diese in unserem Gespr\u00e4ch ge\u00e4u\u00dfert habe. Aber es behagt mir \u00fcberhaupt nicht, welches Bild du mit dem Einstiegszitat von mir zeichnest. Berliner Dialekt und &#8222;Frittenbude&#8220; &#8211; habe ich einen so ordin\u00e4ren und ungebildeten Eindruck auf dich gemacht, dass es dir gerechtfertigt erscheint, mich der Welt in dieser Weise zu pr\u00e4sentieren? \u00dcber die Konnotation verschiedener Sprachstile mu\u00df ich dich nicht aufkl\u00e4ren, das haben wir beide im Grundstudium gelernt.<\/p>\n<p>Wenn du noch ein gutes Haar an mir lassen willst, zitiere mich wenigstens auf Hochdeutsch! Wenn du mich beeindrucken willst, schreibe einen Artikel \u00fcber Prostitutionspolitik, die rechtliche und politische Situation von Sexarbeitern, meine politische Arbeit &#8211; irgendetwas, das mich als Menschen ernst nimmt und mit einem seri\u00f6sen Anliegen pr\u00e4sentiert. Was ich hier lese, droht eine Posse \u00fcber eine schn\u00f6de Nutte zu werden, die nicht ordentlich sprechen kann. Darauf k\u00f6nnte ich und kann die Sache, f\u00fcr die ich k\u00e4mpfe, ebensogut verzichten.<\/p>\n<p>Bitte, tu mir das nicht an!<\/p>\n<p>Liebe Gr\u00fc\u00dfe,<br \/>\nCarmen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun, was ist daraus geworden &#8211; ein Artikel \u00fcber Prostitutionspolitik oder belangloser Wisch, den man so (nur in weniger S\u00e4tzen) auch in der BILD-Zeitung h\u00e4tte lesen k\u00f6nnen? Im aktuellen SPIEGEL 22\/2013 kann sich jeder selbst ein Bild machen. &#8222;BORDELL DEUTSCHLAND: Wie der Staat Frauenhandel und Prostitution f\u00f6rdert&#8220;, lautet der Aufmacher der Ausgabe, der eigentlich schon klar macht, von welcher Meinung der Leser am Ende \u00fcberzeugt werden soll. \u00dcber dem Artikel, der angeblich von mir handelt, prangt in gro\u00dfen Lettern das Label: &#8222;Dunkle Phantasien&#8220;. Wow, das ist kreativ, das hat etwas Verruchtes, Unanst\u00e4ndiges, oder? Genau wie Escort, das ist ja auch so ein bisschen unseri\u00f6s\u2026 NOT! Aber halten wir uns nicht damit auf, dass &#8222;Dunkle Phantasien&#8220; auch der Titel eines billigen Schwartenromans oder Mainstreampornos sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Das Foto: Ich hatte zwei zur Auswahl geschickt und <a href=\"http:\/\/courtisane.de\/blog\/media\/anonym.png\">ein anderes pr\u00e4feriert<\/a>. Aber vermutlich pa\u00dfte dieses, in den T\u00f6nen rot-schwarz Gehaltene besser ins BILD, \u00e4hem, zum Titel. Das Original, das man sich in meiner <a href=\"http:\/\/courtisane.de\/gal\/2012-04.jpg\">Galerie<\/a> ansehen kann, ist weniger dunkel. Wenigstens hat die Bildredaktion des SPIEGELs mein Dekollet\u00e9 ordentlich ausgeleuchtet. So kommen gewi\u00df keine Zweifel \u00fcber die Eigenschaften auf, die mich als Expertin zum Thema Prostitutionspolitik f\u00fcr das &#8222;Sturmgesch\u00fctz der Demokratie&#8220; auszeichnen und interessant machen.<\/p>\n<p><i>\u00abDunkle Phrantasien. Eine Prostituierten-Gruppe k\u00e4mpft gegen staatliche Vorschriften \u2013 unterst\u00fctzt von den Piraten.\u00bb<\/i> Ich wei\u00df jetzt nicht genau, von welcher Gruppe von Prostituierten, die &#8222;gegen staatliche Vorschriften&#8220; k\u00e4mpft, Sven Becker genau spricht. Aber die erste Gruppe von Prostituierten, von der ich ihm erz\u00e4hlt habe, war die <a href=\"http:\/\/preview.tinyurl.com\/google-bilder-sw-rights\">Internationale Sexworker Rights Bewegung<\/a>, deren zentrale Forderungen die berufliche Anerkennung und Entkriminalisierung der Sexarbeit sind. Eine detailliertere Ausf\u00fchrung, was damit konkret gemeint sein k\u00f6nnte, kann man z.B. im <a href=\"http:\/\/www.sexworkeurope.org\/sites\/default\/files\/userfiles\/files\/join\/Manifest_DE.pdf\">&#8222;Br\u00fcsseler Manifest&#8220;<\/a> [PDF] nachlesen. Die zweite Gruppe, von der ich berichtete, ist das zarte Pfl\u00e4nzchen einer Interessengemeinschaft, die sich derzeit als <a href=\"http:\/\/sexwork-deutschland.de\">Sexwork-Deutschland<\/a> formt. Ich pers\u00f6nlich hoffe, dass daraus irgendwann einmal ein starker Berufsverband wird, der die Interessen von Sexarbeitern gegen\u00fcber Staat und Gesellschaft vertritt. So stark, dass wir ernst genommen w\u00fcrden, ist unsere Bewegung aber derzeit noch nicht. Das macht uns auch der Spiegel unmi\u00dfverst\u00e4ndlich klar: <i>\u00abNat\u00fcrlich gibt es auch jene Frauen, die sich entscheiden [\u2026] Aber: Es spricht viel daf\u00fcr, dass sie eine Minderheit sind, allerdings lautstark vertreten von wenigen [\u2026].\u00bb<\/i> [SPIEGEL 22\/2013, S. 63] Nun gut!<\/p>\n<p>Und die PIRATEN &#8211; wen oder was unterst\u00fctzen sie? Auf ihrem Bundesparteitag in Neumarkt am 11. Mai 2013 hat die versammelte Piratenbasis mit \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit dem Programmantrag &#8222;<a href=\"https:\/\/wiki.piratenpartei.de\/Antrag:Bundesparteitag_2013.1\/Antragsportal\/WP104\">St\u00e4rkung der Rechte Prostituierter<\/a>&#8220; zugestimmt. Ja, den Text habe ich ausgearbeitet &#8211; als Sexarbeiterin und Piratin, mit Unterst\u00fctzung Gleichgesinnter. Es macht mich stolz, dass er alle demokratischen Instanzen der innerparteilichen Willensbildung ordentlich und erfolgreich durchlaufen hat und damit nun Einzug ins Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2013 erh\u00e4lt. In dem Antrag steht, dass die Piratenpartei Deutschland eine Diskriminierung und Kriminalisierung von Sexarbeitern ablehnt. Sie wolle, so geht es weiter, alle Sonderregelungen zur Reglementierung von Prostitution dahingehend pr\u00fcfen, ob sie geeignet, erforderlich und angemessen seien, die Anerkennung und die Rechte von Sexarbeitern sicherzustellen. Denn die St\u00e4rkung der Rechte selbstbestimmt t\u00e4tiger Sexarbeiter sei das beste Mittel gegen jedwede Fremdbestimmung. Von der Unterst\u00fctzung einzelner Prostituierten-Gruppen oder der Abschaffung staatlicher Vorschriften steht dort nichts.<\/p>\n<p>Der Staat schreibt viele sinnvolle Dinge vor, z.B. dass jeder Mensch ein Recht auf freie Berufswahl und ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung hat. Ich finde nicht, dass das abgeschafft geh\u00f6rt. Erlaubt es mir doch, als Frau einen Beruf meiner Wahl zu ergreifen und zu bestimmen, in welcher Weise ich mit wem Sex habe &#8211; auch dann, wenn ich dadurch meinen Lebensunterhalt verdiene. Mir geht es mitnichten allein darum, staatliche Vorschriften abzuschaffen. Wollte ich das, w\u00fcrde ich mich in der Anarchistischen Untergrundarmee engagieren und nicht in der bundesdeutschen Parteipolitik. Nein, worum es mir geht, ist mitzureden, mit zu gestalten, Ideen weiterzutragen &#8211; damit die Spielregeln unserer Gesellschaft, die durch den demokratischen Gesetzgebungsprozess zu staatlichen Vorschriften werden, <b>Sinnvolle<\/b> bleiben. Was wir brauchen, ist eine sinnvolle Gesetzgebung zur Prostitution, die fair mit denen umgeht, die diesen Beruf in freier Entscheidung aus\u00fcben und die Kollateralsch\u00e4den, die Sexarbeitern bereits jetzt aus der Verfolgung von Menschenhandel, Ausbeutung und Vergewaltigung entstehen, nicht in Kauf nimmt. Wenn daf\u00fcr die Abschaffung, Umgestaltung oder Erg\u00e4nzung konkreter Paragraphen im ProstG, im OwiG, im StGB oder EGStGB notwendig erscheint, dann sehe ich in einer Demokratie keinen Grund daf\u00fcr, dass es nicht legitim sein sollte, sich daf\u00fcr einzusetzen &#8211; zumal als direkt und unmittelbar von dieser Gesetzgebung betroffene B\u00fcrgerin.<\/p>\n<p>Ich hatte dar\u00fcber ausf\u00fchrlich mit Sven Becker gesprochen, Forderungen begr\u00fcndet, Argumente geliefert. Auch <a href=\"http:\/\/www.bizarrlady-undine-hamburg.de\">Undine<\/a>, eine meiner Kolleginnen und Mitinitiatorin von Sexwork-Deutschland, hat der Spiegelredaktion, insb. Cordula Meyer, bereitwillig ihre Mithilfe angeboten und lange Mails geschrieben. Der SPIEGEL h\u00e4tte die M\u00f6glichkeit gehabt, eine seri\u00f6se, ausgewogene Berichterstattung zu machen, in der alle Seiten mit ihren Argumenten zu Wort kommen und ernst genommen werden. Stattdessen leuchtet er mein Dekollet\u00e9 aus!<\/p>\n<hr>\n<p><a name=\"edit\"><\/a><i>Editorische Erg\u00e4nzung vom 27. Mai 2013<\/i><br \/>\n<i><u>Disclaimer<\/u>: Falls im kommenden Abschnitt Spuren von Sarkasmus durchschimmern sollten, bitte ich das zu entschuldigen. Aber ich bin eben nur eine einfache Sexarbeiterin und keine Qualit\u00e4tsjournalistin.<\/i><\/p>\n<p>Sven Becker, der sich im Interview mit mir selbst als Journalist bezeichnete, hat meinen Artikel gelesen und plant, eine <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/spiegelblog\/eine-escort-dame-macht-politik-bei-der-wahrheit-bleiben-a-902425.html\">Gegendarstellung zu meiner Gegendarstellung<\/a> zu bloggen. Darin wird er vermutlich erkl\u00e4ren, dass die Sache mit dem Foto ein bedauerliches Mi\u00dfverst\u00e4ndnis sei und man mich und meine Privatsph\u00e4re durch die Abdunklung des Bildes nur h\u00e4tte sch\u00fctzen wollen. Daher habe ich oben an gegebener Stelle mal das von mir pr\u00e4ferierte Foto hinterlegt, das zwar weniger schwarz-rot-verrucht daherkommt, aber auch ohne die Hilfe von Photoshop bereits anonym gewesen w\u00e4re. Ich h\u00e4nge diesem Beitrag au\u00dferdem eine nicht-abschlie\u00dfende Auflistung mit den sch\u00f6nsten Stilbl\u00fcten seines journalistischen Beitrags inklusive meiner Kommentare an. Dem geneigten Leser wird nicht entgehen, dass dieses bedauerliche Mi\u00dfverst\u00e4ndni\u00df mit dem Foto Teil einer ganzen Serie bedauerlicher Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse ist.<\/p>\n<p>Man mu\u00df zu Beckers Verteidigung aber auch sagen, dass es in erster Linie die Redaktionen sind, die in einem Artikel \u00fcber das politische Engagement eines Menschen vor allem Schmierengeschichten \u00fcber die Person verlangen. Diese achten gewissenhaft darauf, dass die Autoren die Leser auch nicht mit zu viel Faktenwissen \u00fcberfordern. Zumindest h\u00f6rt man das so in der Form immer wieder aus allen m\u00f6glichen Ecken. Das Traurige an solchen Argumenten ist, dass Journalisten, die in Deutschland f\u00fcr Qualit\u00e4tsmedien schreiben, in ihrer Arbeit offenbar unfreier und fremdbestimmter als Sexarbeiter sind. Skandal! Wann fordert endlich jemand ein Redaktionsverbot oder Leserbestrafung, wenigstens jener Leser, die Artikel von Zwangsjournalisten konsumieren, die nicht frei und selbstbestimmt \u00fcber Inhalt und Wortwahl ihrer Beitr\u00e4ge entscheiden k\u00f6nnen!!!<\/p>\n<h2>Stilbl\u00fcten des tendenzi\u00f6sen Journalismus<\/h2>\n<blockquote><p>\u00abAuf ihrer Website bezeichnet sich Carmen als Sopranistin und Pianistin [\u2026]\u00bb [SPIEGEL 22\/2013, S. 62]<\/p><\/blockquote>\n<p>Man mu\u00df dazu sagen, dass das eine Selbstbezeichnung ist, damit auch der Letzte SPIEGEL-Leser begreift, dass Carmen bisher keine objektiven Beweise f\u00fcr diese famose Behauptung geliefert hat. Jeder, der in den g\u00e4ngigen Klischees halbwegs firm ist, wei\u00df, dass Nutten habituell l\u00fcgen. Das k\u00f6nnte auch auf die schwarz-rote Carmen zutreffen. Was der Leser nicht wei\u00df, ist, dass ich in einem vorangegangenen Telefonat (DRINGEND!!!) auf mehrfache Nachfrage Beckers mehrfach best\u00e4tigt habe, dass die Angaben zu meinen T\u00e4tigkeiten auf meiner Website korrekt sind. Ich verga\u00df auch nicht, mehrfach zu betonen, dass diese Angaben im Kontext eines Artikels \u00fcber mein politisches Engagement v\u00f6llig irrelevant sind und gut und gerne einfach weggelassen werden k\u00f6nnten.<\/li>\n<blockquote><p>\u00ab[\u2026]zitiert den englischen Naturmystiker William Blake\u00bb [SPIEGEL 22\/2013, S. 62]<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn ich mich nicht mit diesem Thema besch\u00e4ftigt h\u00e4tte und es besser w\u00fc\u00dfte, w\u00fcrde ich beim Wort &#8222;Naturmystiker&#8220; an einen Esospinner denken, vielleicht einen, der B\u00e4ume umarmt und in Kommunen lebt. Dass Blakes Naturmystik ein religionskritischer Gegenentwurf zur christlichen Mystik ist, der insbesondere auch das kirchliche Dogma der Lustfeindlichkeit und Enthaltsamkeit infrage stellt, steht nicht einmal in der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/William_Blake\">Wikipedia<\/a>. Ich zitiere auf meiner Website \u00fcbrigens auch andere Berufsspinner wie Oscar Wilde, Francis Picabia oder Shakespeare.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abIm Internet pr\u00e4sentiert sie sich mit Bauchnabelpiercing, nacktem Hintern und nacktem Busen.\u00bb [SPIEGEL 22\/2013, S. 62]<\/p><\/blockquote>\n<p>No shit Sherlock! K\u00f6nnte das daran liegen, dass ich <b>Sex<\/b>arbeiterin bin und <b>sex<\/b>uelle Dienstleistungen anbiete. K\u00f6nnte das in diesem Falle ein vollkommen legitimes Mittel der Eigenwerbung sein?<\/p>\n<blockquote><p>\u00abVor dem Milchkaffee in einem Caf\u00e9 am PrenzlauerBerg sitzt eine zierliche Frau [\u2026]\u00bb [SPIEGEL 22\/2013, S. 62]<\/p><\/blockquote>\n<p>Ach Gottchen, ich tue mir in meiner Zierlichkeit fast schon selbst Leid. Sicherlich bin ich hilfebed\u00fcrftig und wei\u00df in Wirklichkeit doch nicht so recht, wovon ich eigentlich spreche.<\/p>\n<blockquote><p>\u00ab[\u2026] mit Rollkragenpullover und Schlabberhose\u00bb [SPIEGEL 22\/2013, S. 62]<\/p><\/blockquote>\n<p>Achso, meine R\u00f6hren-Cordhose ist also schlabbrig. Danke f\u00fcr diese dezente Kritik, ich werde sie der Schneiderin \u00fcbermitteln und fragen, was sie dazu sagt. Ich finde es immer wichtig, dass schwache Argumente in einer politischen Diskussion auf den Punkt gebracht werden. Respekt! Falls durch diese detailgetreue Beschreibung meiner Hose beim Leser der falsche Eindruck entstanden sein sollte, dass ich da im Jogginganzug angetanzt w\u00e4re, ist das ein bedauerliches Mi\u00dfverst\u00e4ndnis. Ich hatte mich bei der Wahl meines Outfits sehr bewu\u00dft daf\u00fcr entschieden, mich casual, aber trotzdem seri\u00f6s und nicht mit einem tiefen Ausschnitt zu pr\u00e4sentieren. Es sollte ja ein Interview \u00fcber mein politisches Engagement werden. Da wollte ich nicht den Eindruck erwecken, durch Dekollet\u00e9 statt durch Argumente \u00fcberzeugen zu wollen.<\/p>\n<blockquote><p>\u00ab[\u2026] die eine Begleitdame etwa f\u00fcr die Oper suchen \u2013 und wom\u00f6glich auch f\u00fcrs Bett.\u00bb [SPIEGEL 22\/2013, S. 62]<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine scharfe Beobachtung folgt der n\u00e4chsten: K\u00f6nnte es sein, dass die Kunden einer Escort-Begleiterin wom\u00f6glich sogar Sex wollen? Noch einmal: Ich bin <b>Sex<\/b>arbeiterin, ich verkaufe <b>sex<\/b>uelle Dienstleistungen. Nat\u00fcrlich spring ich mit den Kunden in die Kiste, was glaubt ihr denn!<\/p>\n<blockquote><p>\u00abDoch ihr Gesch\u00e4ft sieht Carmen derzeit bedroht durch Politiker, Polizisten oder Aktivistinnen, die Prostitution st\u00e4rker regulieren wollen und etwa eine Meldepflicht fordern.\u00bb [SPIEGEL 22\/2013, S. 62]<\/p><\/blockquote>\n<p>Falsch! Ich sehe nicht mein Gesch\u00e4ft bedroht, im Gegenteil. Mein Gesch\u00e4ft k\u00e4me durch die Illegalit\u00e4t der Prostitution erst richtig in Fahrt. Denn dann k\u00f6nnte ich ganz andere Preise aufrufen &#8211; \u00fcberlegt mal, wie teuer illegale Drogen sind! Nein, was ich bedroht sehe, sind meine Berufs-, Grund- und Menschenrechte und die meiner KollegInnen in der Sexarbeit. Bedroht werden diese von Menschen, die Prostitution in der \u00f6ffentlichen Debatte aus taktischen Gr\u00fcnden mit Menschenhandel, Ausbeutung und Vergewaltigung assoziieren, um die Grenzen zwischen Legalit\u00e4t und Illegalit\u00e4t zu verwischen und den B\u00fcrger Glauben zu machen, Prostitution sei gar nicht unabh\u00e4ngig von Zwang und Gewalt denkbar &#8211; wie es z.B. die SPIEGEL-Ausgabe 22\/20013 sehr anschaulich vormacht. Diese Prostitutionsgegner fordern nicht etwa nur Meldepflichten. Nein, sie fordern Erlaubnispflichten (Konzessionierung), Zwangsuntersuchungen, Freierbestrafung, h\u00e4rtere Sanktionen, \u00c4nderungen des Bundeszentralregistergesetzes, Arbeitsverbote f\u00fcr Erwachsene unter 21 und einiges mehr. Wen das interessiert, der kann sich ja mal die <a href=\"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=571#konzession\">Forderungen des Bundesrates<\/a> und den <a href=\"http:\/\/sexwork-deutschland.de\/Prostituierten-Vereinigung\/Gesetze.html\">Entwurf des Bremischen Prostitutionsst\u00e4tten-Gesetzes<\/a> ansehen.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abSie sei nicht naiv, sagt Carmen, nat\u00fcrlich gebe es Bordelle, in denen Frauen zum Sex gezwungen w\u00fcrden.\u00bb [SPIEGEL 22\/2013, S. 62f]<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich bestreite vehement, das jemals so gesagt zu haben. Ich behauptete dagegen, auch im Gespr\u00e4ch mit Becker, dass die Orte, an denen Frauen und Kinder zu Sex gezwungen w\u00fcrden, in den seltensten F\u00e4llen Bordelle seien, sondern eher dunkle Keller, heimische Wohnzimmer oder kirchengetragene Internate. Denn Bordelle werden in Deutschland schon jetzt sehr stark \u00fcberwacht &#8211; nicht nur von der Polizei. Letztere hat in den meisten Bundesl\u00e4ndern jederzeitiges Zutrittsrecht (s. bspw. <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/imperia\/md\/content\/seninn\/abteilungiii\/vorschriften\/081103_asog.pdf\">\u00a736(4) ASOG<\/a> [PDF]) und macht davon auch regen Gebrauch. Allein sie findet bei den Bordell-Razzien keine Frauen, die zum Sex gezwungen werden. Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung und N\u00f6tigung sind in Deutschland verboten. Kein Krimineller geht diesen kriminellen Machenschaften an einem der Strafverfolgung so exponierten Ort wie einem Bordell nach. Die sind n\u00e4mlich auch nicht naiv.<\/p>\n<p>An dieser Stelle nun folgen ganze 137 W\u00f6rter zu meinem politischen Engagement, in denen sogar zaghaft meine Argumente durchscheinen. Aber auch das Piratenbashing darf nicht zu kurz kommen und kann prima mit dem Nuttenbashing kombiniert werden:<\/p>\n<blockquote><p>\u00abCarmen kam es zupass, dass die Piraten zur Prostitutionspolitik wie bei so vielen Themen noch keine festen Standpunkte hatten. So stieg sie schnell zur Expertin auf.\u00bb [SPIEGEL 22\/2013, S. 63]<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese PIRATEN, echt, keine eigene Meinung und vor allem kein <a href=\"https:\/\/wiki.piratenpartei.de\/Wahlen\/Bund\/2013\/Wahlprogramm\">Wahlprogramm<\/a> &#8211; das kam mir super gelegen, denn hinterh\u00e4ltig wie ich bin (s.o.), hab ich diese Ahnungslosen sofort korrumpieren k\u00f6nnen. Die sind bl\u00f6d genug, um zu glauben, dass eine Sexarbeiterin tats\u00e4chlich Expertin zum Thema Sexarbeit sein k\u00f6nnte und nehmen sie ernst &#8211; \u00fcbrigens im Gegensatz zu den Qualit\u00e4tsjournalisten beim SPIEGEL. Da kam es Becker sicherlich zupass, dass er aus dem letzten Jahr was passendes zum Thema in der Schublade hatte. Hoffentlich hat er gut daran verdient, meine Person vor meinen politischen Argumenten in der Prostitutionsdebatte zu exponieren.<\/p>\n<blockquote><p>\u00abWenn \u00fcberhaupt, dann mache ich bei den Piraten Werbung f\u00fcr die Kolleginnen\u00bb [SPIEGEL 22\/2013, S. 63]<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja, ich mache bei den Piraten Werbung f\u00fcr die politischen und rechtlichen Interessen meiner KollegInnen &#8211; und zwar weil politische Arbeit in einer Demokratie darin besteht, andere Menschen von den eigenen Ideen zu \u00fcberzeugen, um Mehrheiten zu gewinnen.<\/p>\n<h2>Weitere Artikel zum Thema<\/h2>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.donacarmen.de\/?p=401\">Stellungnahme des Dona Carmen e.V. zum SPIEGEL-Titel &#8222;Bordell-Deutschland&#8220;<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/menschenhandelheute.net\/2013\/05\/28\/bordell-deutschland-journalismus-auf-lucke\/\">Stellungnahme von menschenhandelheute.net zum SPIEGEL-Titel &#8222;Bordell-Deutschland&#8220;<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/blog.bizarrlady-undine-hamburg.de\/2013\/05\/der-spiegel-titelt-bordell-deutschland\/\">Stellungnahme von Sexarbeiterin Undine zum SPIEGEL-Titel &#8222;Bordell-Deutschland&#8220;<\/a><\/li>\n<li>Der @presseschauer hat meine Kritik verstanden und erkl\u00e4rt sie <a href=\"http:\/\/www.presseschauer.de\/?p=2043\">hier<\/a> knapp, aber treffend in seinen eigenen Worten.<\/li>\n<li>Der @RAStadler bringt <a href=\"http:\/\/www.internet-law.de\/2013\/05\/der-spiegel-und-die-hohe-kunst-des-tendenzjournalismus.html\">hier<\/a> die Sicht eines Juristen in die Debatte ein.<\/li>\n<li>Die Gegendarstellung zur Gegendarstellung von Sven Becker findet ihr <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/spiegelblog\/eine-escort-dame-macht-politik-bei-der-wahrheit-bleiben-a-902425.html\">hier<\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Blogbeitrag \u00fcber meine Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit mit dem SPIEGEL zum Thema Prostitutionspolitik, die mich desillusioniert h\u00e4tten, wenn ich es nicht schon gewesen w\u00e4re. Er soll demonstrieren, wie ernst man beim SPIEGEL als Mensch mit politischen Meinungen jenseits des Mainstreams genommen wird. Der Artikel, auf den ich mich zentral beziehe, tr\u00e4gt den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,1],"tags":[93,68,96,33,97],"class_list":["post-659","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ca","category-de","tag-menschenhandel","tag-politik","tag-presse","tag-prostitution","tag-spiegel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/659","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=659"}],"version-history":[{"count":72,"href":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/659\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":710,"href":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/659\/revisions\/710"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=659"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=659"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=659"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}