{"id":627,"date":"2013-04-06T13:37:17","date_gmt":"2013-04-06T11:37:17","guid":{"rendered":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=627"},"modified":"2013-04-07T12:07:23","modified_gmt":"2013-04-07T10:07:23","slug":"starke-lobbygruppen-und-bose-medien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=627","title":{"rendered":"Starke Lobbygruppen und b\u00f6se Medien"},"content":{"rendered":"<p>Anfang M\u00e4rz erschienen im Cicero online in kurzer Folge drei Texte zum Thema Prostitution. Der erste, ein Interview mit Volker Beck mit dem Titel &#8222;<a href=\"http:\/\/www.cicero.de\/berliner-republik\/volker-beck-prostitutionsgesetz-der-gesetzgeber-ist-kein-moralunternehmen\/53754\">Der Gesetzgeber ist kein Moralunternehmen<\/a>&#8222;, war relativ sachlich und durchaus sympathisch, auch wenn ich mit Volker Beck nicht in allen Punkten \u00fcbereinstimme. Der darauffolgende von Petra Sorge (@albatrai) trug den Titel &#8222;<a href=\"http:\/\/www.cicero.de\/salon\/medienbild-ueber-prostitution-schoene-saubere-hurenwelt\/53770\">Wie die gl\u00fcckliche Hure erfunden wurde<\/a>&#8220; und griff mich bereits in meiner Existenz als selbstbestimmte Sexarbeiterin an. Die Kr\u00f6nung aber war der letzte der drei Artikel von Chantal Louis, die gleich forderte &#8222;<a href=\"http:\/\/www.cicero.de\/berliner-republik\/ware-frau-prostitution-abschaffen\/53766\">Prostitution abschaffen!<\/a>&#8220; und wiederrum den diskriminierenden <a href=\"http:\/\/www.donacarmen.de\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Vortrag-LINKE-II-Juni-2012.pdf\">Warenbegriff im Kontext der Prostitution<\/a> [PDF] propagierte.<!--more--><\/p>\n<p>Die drei genannten Artikel sind Teil des Dossiers &#8222;<a href=\"http:\/\/www.cicero.de\/dossier\/prostitution-wahrheit-und-mythos\">Prostitution. Wahrheit und Mythos<\/a>&#8222;, mit dem sich der Cicero selbst die Kompetenz \u00fcber die Frage nach Fiktion und Faktion im Diskurs \u00fcber Sexarbeit, Menschenhandel und Sklaverei zuschreibt. Auch ein kurzer Blick in dieses Dossier zeigt: \u00dcber Prostitution kann nicht gesprochen werden, ohne nach den Opfern zu fragen. Ein Diskurs \u00fcber freiwillige, selbstbestimmte Sexarbeit kommt nicht daran vorbei, \u00fcber unfreiwilligen Sex, \u00fcber Ausbeutung und prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse zu sprechen. Jeder der Cicero-Artikel zum Thema Prostitution beweist das. Genau das negiert aber die Online-Redakteurin des Cicero, Petra Sorge. In ihrem Artikel behauptet sie, dass &#8222;die gl\u00fcckliche Hure&#8220; eine Erfindung &#8222;der Medien&#8220; sei. Mir als Sexarbeiterin soll das vermutlich sagen, dass mein Gef\u00fchl, in und mit meinem Beruf gl\u00fccklich zu sein, keine auf autonomer Introspektion beruhende Selbsteinsch\u00e4tzung ist, dass es nicht etwa daher r\u00fchrt, dass ich in meinem Beruf nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig viel arbeiten mu\u00df, um trotzdem gutes Geld zu verdienen und die H\u00f6he meines Gehalts und meine Arbeitszeiten selbst frei bestimmen kann, wie ich bisher annahm. Nein, ich entspreche lediglich einem mir von den b\u00f6sen Medien \u00fcbergest\u00fclpten, v\u00f6llig realit\u00e4tsfernen Rollenbild und mein Gef\u00fchl gl\u00fccklich zu sein, ist, wenn man der Logik des Artikels folgt, ein Selbstbetrug. Soll hei\u00dfen: Ich bin nicht gl\u00fccklich, ich wei\u00df es nur noch nicht.<\/p>\n<p>Dass es Petra Sorge aber in Wirklichkeit gar nicht darum ging, das verriet sie mir in einer <a href=\"https:\/\/twitter.com\/albatrai\/status\/310043534784868352\">Diskussion<\/a>, die sie einen Tag sp\u00e4ter mit mir und einigen anderen Nutzern  auf Twitter f\u00fchrte. Mit ihrem Artikel habe sie nicht mein Existenzrecht als selbstbestimmte Sexarbeiterin infrage stellen, sondern lediglich kritisieren wollen, wie unkritisch die Medien \u00fcber Prostitution berichteten. Unsere Twitter-Diskussion sei bereits Beweis daf\u00fcr, dass lediglich starke Lobbygruppen Geh\u00f6r f\u00e4nden, die Opfer jedoch nicht zu Wort k\u00e4men. Als ich an dieser Stelle nachhakte, um zu verstehen, was Frau Sorge da behauptete, entzog sie sich der Debatte mit dem Fazit, wir seien halt einfach nicht einer Meinung. Eine Erl\u00e4uterung, wie ich ihren Tweet interpretieren soll oder einen echten Beweis f\u00fcr ihre Behauptung ist mir Frau Sorge bis heute schuldig. Was meint sie?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/courtisane.de\/blog\/media\/petra-sorge_lobbygruppen.png\" \/><br \/>\n<small>[<a href=\"https:\/\/twitter.com\/albatrai\/status\/310043534784868352\">die ganze Diskussion auf Twitter lesen<\/a>]<\/small><\/p>\n<p>Daf\u00fcr, dass die Medien durchaus kritisch \u00fcber Prostitution berichten und nach Opfern fragen, ist allein das Dossier des Cicero Beweis. Tats\u00e4chlich f\u00e4llt mir kein seri\u00f6ses journalistisches Blatt ein, in dem ich je einen Artikel zum Thema Prostitution gelesen h\u00e4tte, in dem nicht wenigstens Begriffe wie &#8222;Zwangsprostitution&#8220;, &#8222;Menschenhandel&#8220;, &#8222;illegal&#8220;, &#8222;AIDS&#8220; oder &#8222;Ausbeutung&#8220; vorgekommen w\u00e4ren und ich habe berufsbedingt viel zu dem Thema gelesen. Auch keine starke Lobbygruppe, die sich zwar mit Prostitution, nicht aber mit Menschenhandel, Ausbeutung, sexuell \u00fcbertragbaren Krankheiten oder prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen befa\u00dft, kommt mir so spontan in den Sinn. Welche unkritischen Medien, welche starken Lobbygruppen meinen sie, Frau Sorge? Nennen sie doch bitte wenigstens ein paar Beispiele, damit wir \u00fcber irgendetwas Konkretes diskutieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Meinen sie damit vielleicht mich? Bin ich verblendete Einzelhure, die ich noch nicht einmal in der Lage bin, die Wahrheit \u00fcber mein eigenes Gl\u00fcck zu erkennen, eine starke Lobbygruppe, so dass die Diskussion mit mir hier irgendeine Beweiskraft h\u00e4tte? Oder meinen sie eher Medien, NGOs und Lobbygruppen, die f\u00fcr Opfer und Betroffene von Menschenhandel sprechen? Da fielen mir in der Tat einige starke Parteien ein. Das geht los beim vom BMFSFJ finanzierten <a href=\"www.kok-buero.de\">KOK-Frauenhandel<\/a>, einem bundesweiten Zusammenschlu\u00df von ca. <a href=\"http:\/\/www.kok-buero.de\/mitgliedsorganisationen-fachberatungsstellen.html\">40 (!) Fachberatungsstellen f\u00fcr Opfer von Menschenhandel aus ganz Deutschland<\/a>, der mit Polizisten und Politikern zusammenarbeitet und fruchtbare Lobbyarbeit betreibt. Namhafte Organisationen wie die Caritas, die Diakonie, die Mitternachtsmission, <a href=\"http:\/\/frauenrechte.de\/online\/index.php\/suche.html?searchword=Prostitution&#038;ordering=&#038;searchphrase=all\">TERRE DES FEMMES<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.solwodi.de\/31.0.html?&#038;no_cache=1&#038;L=0%25253FkeepThis%25253Dtrue\">SOLWODI<\/a> sind dort Mitglieder! Vier der f\u00fcnf letztgenannten Organisationen sind kirchlich getragen und folgen der christlichen Logik, die Prostitution (selbst wenn sie einvernehmlich passiert) als amoralisch und verwerflich betrachtet. Die christliche Kirche ist in Deutschland eine starke Lobby. Ein starkes Medium, das sich seit den fr\u00fchen 80ern gegen Prostitution engagiert und sich in seinen Kampagnen und Artikeln immer wieder f\u00fcr die Belange von Opfern sogenannter &#8222;Zwangsprostitution&#8220; einsetzt, ist die von Vorzeige-Feministin Alice Schwarzer betreute <a href=\"http:\/\/www.emma.de\/kampagnen\/prostitution\/\">Frauenzeitschrift EMMA<\/a>. Auch junge Menschen wie die Aktivistinnen der ukrainischen Frauenrechtsgruppe <a href=\"http:\/\/femen.org\/en\/gallery\/id\/120#post-content\">FEMEN<\/a> interessieren sich auf ihre Art f\u00fcr das Thema und k\u00e4mpfen mit Fackeln, Nazi-Parolen und nackten Br\u00fcsten lautstark gegen Prostitution. Wenn man unbedingt will, kann man auch das f\u00fcr einen kritischen Beitrag zur Debatte halten.<\/p>\n<p>Eventuell spielen sie, Frau Sorge, aber auch nicht auf diese starken Lobbygruppen an, die ich gerade genannt habe. Die Betroffenen von Menschenhandel kommen tats\u00e4chlich auch bei ihnen selten selbst zu Wort und das ist bedauerlich. Deutsche Beh\u00f6rden verfahren mit den Betroffenen von Menschenhandel so, dass sie sie zu ihrem eigenen Wohl und zum Schutz vor Ausbeutung in ihr Heimatland abschieben. Denn das entspricht der Bundesdeutschen Gesetzgebung nach <a href=\"http:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/aufenthg_2004\/__55.html\">\u00a7 55 (2.3) AufenthG<\/a>, der den sprechenden Titel &#8222;Ermessensausweisung&#8220; tr\u00e4gt. Anstatt den Opfern also zu helfen und ihnen Aufenthaltsrechte zu gew\u00e4hren, weist der Staat, in dem wir leben, sie einfach aus. Lediglich wenn sie als ZeugInnen in einem Verfahren aussagen, d\u00fcrfen sie so lange in Deutschland bleiben, bis sie ausgesagt haben und werden erst hinterher abgeschoben. Das ist traurig und absolut kritisierensw\u00fcrdig &#8211; da stimme ich zu! Warum, Frau Sorge, schreiben sie dann aber nicht mal einen Artikel, der die Fremdenfeindlichkeit einer solchen Gesetzgebung kritisiert und das l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Aufenthaltsrecht f\u00fcr Betroffene von Menschenhandel einfordert?<\/p>\n<p>Wie sollen die Opfer selbst eine Stimme bekommen, wenn wir sie wegschicken, ausweisen und von uns sto\u00dfen? Solange diese Gesetzgebung inkraft ist, werden auch in der st\u00e4rksten Lobbygruppe allenfalls privilegierte Menschen, die sich dazu berufen f\u00fchlen, F\u00dcR Opfer (oder Menschen, die sie daf\u00fcr halten) sprechen und nie die Opfer selbst. Markanterweise gibt es an dieser Stelle eine auff\u00e4llige Parallele zwischen Betroffenen von Menschenhandel und selbstbestimmten Sexarbeitern. Auch wir Huren haben keine Stimme. (Oder haben sie in einem dieser Medien, die sie im Kopf haben, jemals einen von einer SexarbeiterIn selbst verfa\u00dften Artikel gelesen?) Man spricht zwar \u00dcBER uns, aber nie MIT uns. Man l\u00e4\u00dft auch uns nicht sprechen, sondern negiert unsere Existenz hinter dem Vorwand vermeintlicher Medienkritik. [ironie]Bravo, Frau Sorge, das nenne ich kritischen Journalismus![\/ironie]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang M\u00e4rz erschienen im Cicero online in kurzer Folge drei Texte zum Thema Prostitution. Der erste, ein Interview mit Volker Beck mit dem Titel &#8222;Der Gesetzgeber ist kein Moralunternehmen&#8222;, war relativ sachlich und durchaus sympathisch, auch wenn ich mit Volker Beck nicht in allen Punkten \u00fcbereinstimme. 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