{"id":518,"date":"2012-08-17T17:36:23","date_gmt":"2012-08-17T15:36:23","guid":{"rendered":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=518"},"modified":"2013-05-03T00:09:49","modified_gmt":"2013-05-02T22:09:49","slug":"prostitution-feminismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=518","title":{"rendered":"Prostitution &#038; Feminismus"},"content":{"rendered":"<p>In meinem Artikel <a href=\"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=345\">Prostitution = Emanzipation<\/a> hatte ich einen ersten Versuch unternommen, die Entscheidung einer Frau f\u00fcr die Prostitution als emanzipatorischen Akt der aktiven, sexuellen Selbstbestimmung der Frau darzustellen. Heute m\u00f6chte ich darlegen, warum die Forderung nach einem Prostitutionsverbot keine feministische, sondern eine anti-feministische Forderung ist. Zu diesem Zweck fasse ich den Artikel <a href=\"http:\/\/gc-cuny.academia.edu\/SibylSchwarzenbach\/Papers\/697318\/Contractarians_and_feminists_debate_prostitution\">Contractarians and Feminists Debate Prostitution<\/a> von Sibyl Schwarzenbach in einer dialogischen \u00dcbersetzung zusammen. Im fiktiven Dialog stehen sich die Prostitutionsgegnerin <b>Mona<\/b> und die Prostitutionsbef\u00fcrworterin <b>Lisa<\/b> gegen\u00fcber. (Ja, h\u00e4ngt mich, wegen dieser Namenswahl! Ist doch wurscht, wie die hei\u00dfen.)<!--more--><\/p>\n<h2>Prostitution &#038; Feminismus<\/h2>\n<p><u>Oder: Warum die Forderung nach einem Prostitutionsverbot keine feministische Forderung ist<\/u><\/p>\n<p><b>Mona:<\/b> \u00bbProstitution bleibt moralisch unvertretbar, weil sie ein Beispiel m\u00e4nnlicher Dominanz \u00fcber die Frau ist. Lisa mi\u00dfachtet die patriarchale Dimension unserer Gesellschaft. Eines ihrer Gesetze ist, dass M\u00e4nner ein traditionelles Recht auf Sex haben, das ihnen jederzeit Zugang zum und Macht \u00fcber den weiblichen K\u00f6rper gew\u00e4hrleistet. Sie versteckt und leugnet das Problem des Fortbestandes der sozialen Dominanz des Mannes \u00fcber die Frau und der Unterordnung der Frau unter den Mann. Die Historie best\u00e4tigt, dass Frauen daf\u00fcr k\u00e4mpfen m\u00fcssen, Autonomie und Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber das eigene Leben und den eigenen K\u00f6rper zu gewinnen.\u00ab<\/p>\n<p><b>Lisa:<\/b> \u00bbWir befinden uns an einer historischen Weiche. Frauen beginnen gerade erst die vollen Rechte \u00fcber ihre K\u00f6rper und Handlungen zu erlangen. Zu einer generellen Erm\u00e4chtigung aller Menschen kommt es auch im Zuge der Industrialisierung. Menschen k\u00f6nnen heute freier \u00fcber ihren K\u00f6rper und ihre Handlungen verf\u00fcgen als fr\u00fcher und z.B. auch ihre Arbeitskraft auf dem freien Markt zum Verkauf anbieten. Sollte Prostituierten nicht ebenso dieses Recht zugestanden werden? Nach der traditionellen Rollenverteilung hat die Frau dem Mann zur sexuellen Verf\u00fcgung zu stehen, und zwar unbezahlt. Ist es da nicht ein Fortschritt, dass sie nun Geld f\u00fcr sexuelle Dienstleistungen verlangen kann?\u00ab<\/p>\n<p><b>Mona:<\/b> \u00bbDie Kommerzialisierung von Sex bricht aber nicht mit dem Patriarchat, sondern baut dieses aus und bekr\u00e4ftigt es. Denn anders als der Arbeiter, der seine Arbeitskraft verkauft, verkauft die Prostituierte ihren K\u00f6rper, der untrennbar mit ihrer Pers\u00f6nlichkeit (Seele) verkn\u00fcpft ist. Deshalb ist Prostitution etwas v\u00f6llig anderes als Arbeit, weil es die intime Beziehung zwischen K\u00f6rper und Seele verletzt. Wenn Sex eine Ware auf dem Markt wird, dann werden auch K\u00f6rper und Seele zu Waren. Und das Recht des Mannes besteht fort: Wenn er den K\u00f6rper einer Frau nicht l\u00e4nger besitzen kann, so kann er ihn immer noch f\u00fcr eine begrenzte Zeit kaufen.\u00ab<\/p>\n<p><b>Lisa:<\/b> \u00bbDie Prostituierte verkauft aber nicht ihren K\u00f6rper, sondern sie verkauft eine Dienstleistung [***]. F\u00fcr diesen Unterschied ist es wichtig zu kl\u00e4ren, was mit Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber den eignen K\u00f6rper gemeint ist. Etwas, das ich besitze, kann ich exklusiv benutzen und verwalten, ich kann es sogar ver\u00e4u\u00dfern oder zerst\u00f6ren, wenn ich m\u00f6chte. Selbst wenn ich glaube, dass mein K\u00f6rper mir von Gott gegeben ist und ich ihn nur verwalte, kann ich in gewissem (begrenztem) Ma\u00df frei \u00fcber ihn verf\u00fcgen. Das Recht auf freie Verf\u00fcgung \u00fcber den eigenen K\u00f6rper, sollte also das Recht, ihn zu ver\u00e4u\u00dfern, einschlie\u00dfen.\u00ab<\/p>\n<p><b>Mona:<\/b> \u00bbAber die Ver\u00e4u\u00dferung des K\u00f6rpers, ob nun zum Zwecke der Prostitution oder der Sklaverei, verletzt die Notwendigkeit der physischen Verk\u00f6rperung der Seele in der Welt. Was passiert mit der Seele einer Frau, wenn sie ihren K\u00f6rper verkauft hat?\u00ab<\/p>\n<p><b>Lisa:<\/b> \u00bbBei der einvernehmlichen Form der Prostitution ver\u00e4u\u00dfert die Prostituierte ihren K\u00f6rper nicht im Sinne der Enteignung oder \u00dcbertragung an einen neuen Eigent\u00fcmer, nicht einmal f\u00fcr eine begrenzte Zeit. Denn die Prostituierte gew\u00e4hrt ihrem Kunden nicht alle Eigentumsrechte an ihrem K\u00f6rper, sondern nur das Recht auf begrenzten &#8222;Gebrauch&#8220;. Das Recht auf Zerst\u00f6rung oder Verletzung ihres K\u00f6rpers wird dabei nicht gew\u00e4hrt. Die Streitfrage ist also, ob man Teile seines Selbst (n\u00e4mlich den K\u00f6rper) f\u00fcr eine begrenzte Zeit zum begrenzten Gebrauch ver\u00e4u\u00dfern kann, ohne dabei auch seine Seele zu ver\u00e4u\u00dfern. Hegel meint, unser Wesen (wozu er unser Leben, unseren K\u00f6rper, unsere Vernunft, unsere Willenskraft, unsere Freiheit, unsern Glauben und wohl auch unsere Sexualit\u00e4t z\u00e4hlt) st\u00fcnde nicht zum Verkauf. Er unterscheidet aber trotzdem zwischen dem empirischen Selbst und dem Selbst als Tr\u00e4ger der Vernunft, das sich vom empirischen Selbst abstrahieren oder distanzieren kann. Demnach k\u00f6nnte man einzelne Aspekte seiner physischen oder mentalen F\u00e4higkeiten oder der Handlungsf\u00e4higkeit durchaus ver\u00e4u\u00dfern, ohne sich dabei sein Selbst zu ver\u00e4u\u00dfern. Unsere F\u00e4higkeit zur Ent\u00e4u\u00dferung unseres Selbst ist fundamental menschlich. Wir alle haben die F\u00e4higkeit, auf Abstand zu uns selbst zu gehen, um unser Denken und Handeln aus kritischer Distanz zu beurteilen.\u00ab<\/p>\n<p><b>Mona:<\/b> \u00bbAber wenn wir a) zu viele unserer physischen und mentalen F\u00e4higkeiten oder b) zu viel unserer Zeit ver\u00e4u\u00dfern, dann leidet unsere Seele dennoch. Wenn ich bspw. meine Vernunft oder meinen Glauben oder meine leibliche Unversehrtheit preisgeben mu\u00df, dann leidet meine Seele. Eine minderj\u00e4hrige Prostituierte, die mit Gewalt oder durch T\u00e4uschung in die Prostitution gezwungen wurde, die um Leib und Leben bangen mu\u00df, der wird ihre Seele durch die Ent\u00e4u\u00dferung ihres K\u00f6rpers geraubt.\u00ab<\/p>\n<p><b>Lisa:<\/b> \u00bbAber einer reifen, m\u00fcndigen Frau, die f\u00fcr sich entscheidet, wann, wo und unter welchen Bedingungen sie ihren K\u00f6rper f\u00fcr erotische Handlungen preisgeben m\u00f6chte, die in einer sicheren und gesunden Umgebung arbeitet und jederzeit das Recht und die M\u00f6glichkeit hat, bestimmte Handlungen zu verweigern, die verkauft ihren K\u00f6rper nicht, sondern sie gew\u00e4hrt begrenzten Gebrauch. Dabei beh\u00e4lt sie Vernunft, Glauben und leibliche Unversehrtheit; ihre Seele wird dabei nicht in Mitleidenschaft gezogen.\u00ab<\/p>\n<p><b>Mona:<\/b> \u00bbViele Frauen empfinden aber schon den blo\u00dfen Gedanken daran, von einem fremden Mann intim ber\u00fchrt zu werden, als grausam, ekelhaft, besch\u00e4mend und erniedrigend. Sie sind der Meinung, dass eine solche besch\u00e4mende Ber\u00fchrung die Seele verletzt.\u00ab<\/p>\n<p><b>Lisa:<\/b> \u00bbSollte dieses Empfinden der eigenen Besch\u00e4mung beim Gedanken daran, selbst so ber\u00fchrt zu werden, aber ausreichen, um anderen Frauen die Erlaubnis, so ber\u00fchrt zu werden, zu verweigern? W\u00fcrden wir akzeptieren, dass die Handlungen eines Menschen verboten werden k\u00f6nnten, nur weil ein anderer, den Gedanken, selbst so zu handeln, eklig findet, w\u00fcrden wir die substantielle Freiheit des Menschen infrage stellen. Viele Handlungen l\u00f6sen in anderen Menschen Ekel aus, z.B. die Durchf\u00fchrung einer Operation oder die Sektion eines Leichnams. Aber diese Handlungen sind, auch wenn selbstverst\u00e4ndlich niemand dazu gezwungen werden sollte, trotzdem nicht verboten. Und gerade hinsichtlich ihrer Sexualit\u00e4t sind Frauen doch sehr verschieden veranlagt: W\u00e4hrend einige es erniedrigend finden, von einem fremden Mann sexuell ber\u00fchrt zu werden, finde andere es nicht schlimm oder sogar erregend.\u00ab<\/p>\n<p><b>Mona:<\/b> \u00bbEs besteht aber die M\u00f6glichkeit, dass auch eine sich freiwillig anbietende Prostituierte zu viele ihrer physischen und mentalen F\u00e4higkeiten oder zu viel ihrer Zeit ver\u00e4u\u00dfert, weil sie die Grenzen nicht verteidigt. Dadurch besteht die Gefahr, dass sie unf\u00e4hig wird, eine normale Liebesbeziehung zu f\u00fchren.\u00ab<\/p>\n<p><b>Lisa:<\/b> \u00bbEs gibt keine empirischen Beweise daf\u00fcr, dass Prostituierte unf\u00e4higer als andere Menschen w\u00e4ren, Liebesbeziehungen zu f\u00fchren. Es besteht sogar Grund zu der Annahme, dass sie in ihren Beziehungen von einem gr\u00f6\u00dferen sexuellen Lustgewinn profitieren, da ihre promiskuitive Lebenswirklichkeit schon jetzt nicht mehr der traditionellen, die Frau unterdr\u00fcckenden Sexualmoral entspricht. Auch heute hat eine Frau, die nicht &#8222;Schlampe&#8220; oder &#8222;Hure&#8220; genannt werden wolle, sich m\u00f6glichst unaufreizend zu kleiden und zu verhalten, m\u00f6glichst nur einen einzigen Sexualpartner zu haben und m\u00f6glichst sexuell inaktiv\/passiv zu sein. Daher sollte Prostitution, die freie Entscheidung eine sexuelle Dienstleistung anzubieten oder in Anspruch zu nehmen, nicht verboten werden, egal wie sehr die eigene Moral dagegen rebellieren mag. Denn hierbei geht es um eines der fundamentalsten Menschenrechte: das Recht eines jeden Menschen, \u00fcber seinen eigenen K\u00f6rper und sein eigenes Leben selbst zu bestimmen. Frauen sind gerade erst dabei, dieses Recht f\u00fcr sich zu gewinnen und deshalb w\u00e4re ein Prostitutionsverbot keine die Rechte der Frau st\u00e4rkende, sondern eine die Rechte der Frau einschr\u00e4nkende, diskriminierende Ma\u00dfnahme.\u00ab<\/p>\n<hr>\n<p>Die emanzipierte Position wei\u00df nat\u00fcrlich, dass Prostituierte und Opfer von Menschenhandel auch M\u00e4nner und Freier und Bordellbetreiber auch Frauen sind und es keineswegs eine Geschlechtertrennung zwischen vermeintlichen Opfern und vermeintlichen T\u00e4tern gibt.<\/p>\n<p>[***] Au\u00dferdem empfehle ich zum Thema &#8222;Warencharakter der Prostitution&#8220; die Lekt\u00fcre des PDFs &#8222;<a href=\"http:\/\/www.donacarmen.de\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Vortrag-LINKE-II-Juni-2012.pdf\">Was macht das spezifisch historische Wesen von Prostitution aus?<\/a>&#8220; Dort wird u.a. dargelegt, warum die Rede vom &#8222;Verkauf des K\u00f6rpers&#8220; einer Objektifizierung der Frau gleichkommt und damit Ausgrenzung und Diskriminierung von Prostituierten Vorschub leistet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meinem Artikel Prostitution = Emanzipation hatte ich einen ersten Versuch unternommen, die Entscheidung einer Frau f\u00fcr die Prostitution als emanzipatorischen Akt der aktiven, sexuellen Selbstbestimmung der Frau darzustellen. 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