{"id":457,"date":"2011-02-23T20:28:11","date_gmt":"2011-02-23T18:28:11","guid":{"rendered":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=457"},"modified":"2013-03-01T17:39:22","modified_gmt":"2013-03-01T15:39:22","slug":"studentenprostitution","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=457","title":{"rendered":"Studentenprostitution"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Artikel geht es um studentische Prostituierte und den Aspekt, dass diese viel weniger ausgebeutet werden, als bspw. Zwangs-Kellner, Zwangs-Telefonisten, Zwangs-W\u00fcrstchenverk\u00e4ufer und \u00e4hnliche Angestellte. Es geht um die Doppelb\u00f6digkeit des gesellschaftlichen Schocks \u00fcber steigende Zahlen von Studenten in der Sexarbeit und die Sinnhaftigkeit der Entscheidung f\u00fcr Prostitution als Erwerbsquelle.<!--more--><\/p>\n<h2>Studentenprostitution<\/h2>\n<p>Das Wort &#8222;Studentenprostitution&#8220; h\u00f6re ich &#8211; schon allein wegen zahlreicher Buchver\u00f6ffentlichungen mit dieser Thematik &#8211; in letzter Zeit \u00f6fter. Meist schwingt darin der bevormundende und diskriminierende Gedanke mit, es handle sich um arme Studenten, die aufgrund der hohen Studiengeb\u00fchren in die Prostitution gezwungen werden. Es sei erschreckend und alarmierend, dass die Zahlen studentischer Prostituierter stetig zun\u00e4hmen, wobei der gesellschaftliche Schock vor allem darin begr\u00fcndet liegt, dass der Terminus &#8222;Prostitution&#8220; in erster Linie synonym zu &#8222;Sexarbeit&#8220; und erst in zweiter zu &#8222;Ausbeutung&#8220; gedacht wird. Studentenprostitution bedeutet also die sexuelle Ausbeutung von Studenten, die dies aufgrund \u00e4u\u00dferer Zw\u00e4nge (Studiengeb\u00fchren) \u00fcber sich ergehen lassen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist Ausbeutung, nicht nur von Studenten, und sind Studiengeb\u00fchren abzulehnen. Doch warum sorgt man sich gerade so um jene Menschen, die sich zum Zwecke des Geldverdienens f\u00fcr eine Erwerbst\u00e4tigkeit im Bereich der Sexarbeit entscheiden? Warum fragt niemand nach der Ausbeutung von Studenten im Call-Center, in der Frittenbude oder am Zeitungsabo-Stand? Warum sprich niemand von Zwangs-Kellnern, Zwangs-Nachhilfelehrern oder Zwangs-Sekret\u00e4ren? Wir alle (nicht nur Studenten) sind gezwungen, Geld zu verdienen und uns einen Job zu suchen. Aber gerade Studenten haben es schwer, angemessene (d.h. weder ausbeuterische, noch entw\u00fcrdigende, noch anspruchslose) Erwerbsquellen zu finden, da sie weder eine abgeschlossene Ausbildung vorweisen, noch Vollzeit arbeiten k\u00f6nnen. Viele Studenten sind deshalb gezwungen, in bescheuerten Jobs, f\u00fcr bescheuerte Chefs, f\u00fcr geringen Stundenlohn zu arbeiten. Je geringer der Stundenlohn, desto mehr Zeit geht f\u00fcr die Erwerbst\u00e4tigkeit drauf, desto weniger Zeit bleibt f\u00fcr das Studium.<\/p>\n<p>Das ist die prek\u00e4re Situation, der sich Studenten allerorts gegen\u00fcber sehen, und hierbei sind Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse wie unbezahlte Praktika oder sonstige unbezahlte T\u00e4tigkeiten zum Zwecke der Aufh\u00fcbschung des Lebenslaufes, wie sie weithin (z.B. am Goethe-Institut) \u00fcblich sind, noch nicht bedacht. Dennoch wird das Problem der Ausbeutung studentischer Arbeitskraft allein im Bereich der Sexarbeit thematisiert. Gerade diesen Bereich, in dem ich seit 3 Jahren als Studentin selbstst\u00e4ndig arbeite, empfinde ich jedoch als am wenigsten ausbeuterisch von allen, sich mir als Studentin bietenden M\u00f6glichkeiten des Gelderwerbs.<\/p>\n<p>Hier arbeite ich selbstbestimmt und unabh\u00e4ngig. Ich bin mein eigener Chef, ich kann meinen Kopf und meinen Willen durchsetzen und bin niemandem verpflichtet oder Rechenschaft schuldig. Ich bestimmte selbst wann, wie lange und wie oft ich arbeite und ich habe einen Stundenlohn, der es mir erlaubt, auch mal frei zu nehmen, wenn am n\u00e4chsten Tag eine Klausur ansteht. (Der aus meiner Preisliste errechnete Studenlohn von 150\u20ac\/h mu\u00df dadurch relativiert werden, dass neben der eigentlichen Escortbegleitung auch noch Zeit in Marketing, Vorbereitung, etc. investiert werden mu\u00df.) Vier bis sechs Stunden Begleitservice im Monat reichen, um meinen Unterhalt zu sichern und mein Studium zu finanzieren. Freunde von mir arbeiten 16 Stunden\/Woche, um ebenso viel zu verdienen, m\u00fcssen sich \u00fcber ihren Chef oder die Geistlosigkeit ihrer T\u00e4tigkeit \u00e4rgern. Diese Probleme habe ich nicht.<\/p>\n<p>Das einzige, wirklich gravierende Risiko, das ich als studentische Prostituierte eingehe, ist das des gesellschaftlichen Ruins, der Ausgrenzung und Diskriminierung durch die Gesellschaft, an der ich teilhabe. Dies ist ein alltg\u00e4liches Problem, mit dem nicht nur studentische Prostituierte, sondern s\u00e4mtliche Sexarbeiter konfrontiert sind und das sich u.a. im rei\u00dferischen Umgang mit dem Thema &#8222;Studentenprostitution&#8220; \u00e4u\u00dfert. Niemand mu\u00df schockiert dar\u00fcber sein, dass mehr und mehr Studenten Geld als Prostituierte verdienen, der nicht ebenso schockiert dar\u00fcber ist, dass mehr und mehr Studenten Geld als Telefonisten, etc. verdienen. Niemand mu\u00df die Ausbeutung von Studenten in der Sexarbeit beklagen, der nicht auch die Ausbeutung von Studenten in Call-Centern, etc. beklagt. Diese diskursive Abwertung der potentiell vern\u00fcnftigeren und bewu\u00dfteren Entscheidung f\u00fcr ein weniger prek\u00e4res Arbeitsverh\u00e4ltnis in der Sexarbeit, ist inakzeptabel und doppelb\u00f6dig. Denn die Probleme von Studenten in der Sexarbeit entstehen in erster Linie nicht durch die Sexarbeit selbst, sondern durch den schlechten Umgang mit ihr, durch mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz, die sich u.a. im Schock \u00fcber steigende Zahlen studentischer Prostituierter zeigt.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, eine vierk\u00f6pfige Projektgruppe des Studienkollegs zu Berlin (Humboldt-Universit\u00e4t) f\u00fchrt gerade eine Studie zum Thema durch, an der sich nicht nur studentische Prostituierte, sondern s\u00e4mtliche Studierenden beteiligen k\u00f6nnen und sollen. Fragebogen und Einf\u00fchrungstexte kranken zum Teil an den im obigen Text angedeuteten Vorurteilen, zum Teil an naiver (externer, oberfl\u00e4chlicher) Sicht auf das Thema. Meine Freundin und Kollegin <a href=\"http:\/\/courtisane.de\/de\/sascha.php\">Sascha<\/a> hat auch bereits pers\u00f6nlich mit dem Team gesprochen und entsprechende Kritik ge\u00e4u\u00dfert. Interessieren w\u00fcrde mich das Ergebnis aber auf jeden Fall &#8211; vorausgesetzt es wird sachlich und nicht rei\u00dferisch aufbereitet.<\/p>\n<p>Zur Studie und zum Fragebogen geht es hier: <a href=\"http:\/\/studentsexwork-study.com\/\">studentssexwork-study.com<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Artikel geht es um studentische Prostituierte und den Aspekt, dass diese viel weniger ausgebeutet werden, als bspw. Zwangs-Kellner, Zwangs-Telefonisten, Zwangs-W\u00fcrstchenverk\u00e4ufer und \u00e4hnliche Angestellte. 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