{"id":317,"date":"2009-11-19T15:49:20","date_gmt":"2009-11-19T13:49:20","guid":{"rendered":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=317"},"modified":"2013-04-07T23:05:36","modified_gmt":"2013-04-07T21:05:36","slug":"gute-hure-bose-hure-belle-de-jour-geoutet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/courtisane.de\/blog\/?p=317","title":{"rendered":"Gute Hure &#8211; B\u00f6se Hure. &#8218;Belle de Jour&#8216; geoutet"},"content":{"rendered":"<p>Seit Tagen geistert es durch die englischen Medien: Das anonyme Londoner Call-Girl &#8218;Belle de Jour&#8216; ist nicht mehr anonym und nicht nur das. Mit ihrem Outing stellt sich heraus, sie ist tats\u00e4chlich das, was sie in ihrem Blog immer von sich behauptet hat: eine gutaussehende, hoch-intelligente, emanzipierte und unabh\u00e4ngige Frau.<!--more--> Inzwischen hat die Gute sogar ihren Doktor in Epidemiologie (wow!) und das sicherlich nicht, weil sie mit dem Vergabegremium gev\u00f6gelt hat. Klar, dass da einigen besonders engagierten Prostitutionsgegnern erst mal das Essen aus dem Mund f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Ich hatte das Buch &#8222;Belle de Jour&#8220; von einem Freund (A.) <a href=\"\/blog\/?p=41\">zum Berufseinstieg geschenkt<\/a> bekommen und bei jedem Toilettengang eifrig gelesen. Es war unterhaltsam, aber keine tiefsch\u00fcrfende Literatur. Dennoch war die anonyme Bloggerin in London stadtbekannt, eine Bestsellerautorin, deren Geschichten sogar Material f\u00fcr Serien und Filme gaben. Doch an ihre wahre Identit\u00e4t wollte keiner so recht glauben. Man hielt die &#8222;multitalentierte Sexmaschine&#8220; f\u00fcr einen &#8222;\u00e4lteren Autor mit Hornbrille&#8220;, hei\u00dft es in einem <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/0,1518,661689,00.html\">SpOn-Artikel<\/a> vom Dienstag, f\u00fcr einen &#8222;perverse[n] Loser, der f\u00fcr andere perverse Loser schreibt&#8220;.<\/p>\n<p>Ich hingegen habe immer schon geglaubt, dass es sich vermutlich um eine gutaussehende, hoch-intelligente, emanzipierte und unabh\u00e4ngige Frau handelt, die sich ihr Studium durch ihre Escortt\u00e4tigkeit finanziert. Ich habe das gelgaubt, weil das ein f\u00fcr eine Frau mit IQ 130+ dankbarerer, intellektuell anspruchsvollerer, geilerer und lukrativerer Job ist, als bspw. bei McDonald&#8217;s an der Fritteuse zu arbeiten (oder wo auch immer sich arme StudentInnen und PraktikantInnen sonst f\u00fcr gew\u00f6hnlich von ihren Arbeitgebern ausbeuten lassen, um wenigstens ann\u00e4hernd menschenw\u00fcrdig leben zu k\u00f6nnen). Ich habe das geglaubt, weil soetwas in meinen Weltbild existiert, weil ich selbst eine &#8222;Belle de Jour&#8220; bin und weil alle meine Nuttenfreundinnen auch &#8222;Belles de Jour&#8220; sind.<\/p>\n<p>Aber in den K\u00f6pfen der meisten Menschen ist eine Hure nicht gl\u00fccklich oder seelisch unversehrt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Prostituierte, das sind immer Opfer, Opfer von Gewalt und Opfer von Vergewaltigung. Prostituierte m\u00fcssen einfach Opfer sein, denn sowas kann doch keine freiwillig wollen&#8230; Und dann kommt da eine Frau mit einem Doktor in Epidemiologie und hat tats\u00e4chlich die Frechheit zu behaupten, sie sie gar kein Opfer, sondern h\u00e4tte sich ohne Zwang von Au\u00dfen f\u00fcr die Prostitution entschieden und es sei ihr nicht einmal schlecht bekommen. Man ist emp\u00f6rt!<\/p>\n<p>Insbesondere die Heilige Kirche ist emp\u00f6rt. Sofort ergreift der Erzbischof von York das Wort: &#8222;Wir sollen glauben, dass diese Sexarbeiter unabh\u00e4ngige Frauen sind&#8220;, aber das sei ein &#8222;Mythos&#8220;, hei\u00dft es beim Spiegel. Gut, der Bischof mu\u00df es ja wissen, der kennt sich mit Gewalt und Vergewaltigung, sexuellem Zwang und schmutzigem Gewerbe sicherlich besser aus, als eine Escortdame aus der Mittelschicht. Aber auch im Guardian (<a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/alltag\/0946-prostitution-gewalt-belle-de-jour\">\u00dcbersetzung im Freitag<\/a> vom Dienstag) werden kritische Stimmen laut, die sich sofort darum bem\u00fchen, das ins Schwanken geratene Weltbild vom Opfer &#8218;Hure&#8216; wieder grade zu r\u00fccken. &#8222;Ihre [&#8218;Belle de Jours&#8216;] Erfahrungen als Prostituierte entsprechen nicht der Norm; sie hatte Gl\u00fcck, denn normalerweise bringt die Prostitution, verk\u00fcrzt gesagt, Frauen schlichtweg um&#8220;, leitet Tanya Gold ihr Pl\u00e4doyer gegen die Prostitution ein.<\/p>\n<p>Norm? Moment mal, Prostitution ist in Britanien illegal. Die Frauen m\u00fcssen sich verstecken, und zwar nicht nur vor der \u00fcblen Nachrede ihrer Nachbarn, wie das bei uns der Fall ist. Wie kann die Frau da Worte wie &#8218;Norm&#8216; und &#8217;normalerweise&#8216; in den Mund nehmen. Jeder Mensch, der in der Illegalit\u00e4t lebt, ob nun selbstgew\u00e4hlt oder unfreiwillig, ist nicht normativ. Aber gut, Frau Gold ist sich trotzdem nicht zu schade, eine wissenschaftliche Studie aus dem &#8222;Journal of Trauma Practice&#8220; zu bem\u00fchen, um ihre Behauptung zu untermauern.<\/p>\n<p>Die zitierte Studie von 2003, in der 854 SexarbeiterInnen aus neun L\u00e4ndern befragt wurden, ergab, dass der Gro\u00dfteil der Prostituierten im Job Gewalt und Vergewaltigung ausgesetzt ist, schon als Kind mi\u00dfbraucht wurde, an seelischen Erkrankungen leidet und sowieso von Geburt an aus den \u00e4rmsten und elendsten Bev\u00f6lkerungsschichten stammt &#8211; also klar und eindeutig Opfer ist. Ich glaube, dass diese Studie nicht Unrecht hat. Aber es wird verschwiegen, aus welchen Gesellschaftsschichten die befragten SexarbeiterInnen stammen, ob sie sich freiwillig oder unter Zwang prostituieren. Nat\u00fcrlich f\u00fchlt sich eine Frau, die unfreiwillig und aus Not Sex gegen Geld anbietet, nicht wohl, f\u00fchlt sich ausgenutzt, wird unterdr\u00fcckt, ist physischer Gewalt ausgesetzt und leidet deshalb auch seelischen Schaden. In jedem Bereich, wo Menschen zu etwas gezwungen werden, was sie eigentlich nicht wollen, sind physisches und seelisches Leid das Resultat &#8211; das ist nichts, was allein auf die Prostitution beschr\u00e4nkt w\u00e4re. Das sieht man bspw. auch daran, dass das Wort &#8218;Prostitution&#8216; im allgemeinen Sprachgebrauch \u00fcbertragen f\u00fcr alle Bereiche steht, in denen Menschen ausgebeutet werden. Der eigentliche Grund f\u00fcr Not und Elend in der Prostitution ist nicht, dass Menschen Sex gegen Geld anbieten. Das ist eine L\u00fcge der Fraktion, die Prostitution aus moralischen Gr\u00fcnden ablehnt und die deshalb unter dem Deckmantel der sozialen Verantwortung Demagogie betreibt. Der eigentliche Grund daf\u00fcr, dass unglaublich viele Menschen elendig leben, ist der dass sie von anderen Menschen ausgenutzt werden und das ist nichts Prostitutionsspezifisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem.<\/p>\n<p>Der Fall &#8222;Belle de Jour&#8220; hat deshalb f\u00fcr solche Emp\u00f6rung gesorgt, weil er beweist, dass es eben keine kausalen Zusammenh\u00e4nge zwischen Prostitution und Elend gibt, dass nicht alle Prostituierten zwangsweise verelenden und zu Opfern werden. Der Fall ist spektakul\u00e4r, weil er es wahrscheinlich erscheinen l\u00e4\u00dft, dass vieles von dem Leid Prostituierter vermeidbar w\u00e4re, wenn man die Position dieser Frauen und M\u00e4nner st\u00e4rken und ihnen mehr R\u00fcckhalt geben w\u00fcrde. &#8222;Belle de Jour&#8220; ist kein Einzelfall und unter eben jenen Frauen, die sich freiwillig und selbstbestimmt prostituieren, keine Ausnahme, sondern die Regel. Ich selbst kenne ca. 15 SexarbeiterInnen pers\u00f6nlich, dazu kommen einige virtuelle Kontakte. Keiner dieser mir bekannten Menschen leidet Gewalt, Vergewaltigung oder seelische Erkrankungen in seinem Job, im Gegenteil. Wir alle haben uns das aber ausgesucht, weil es gutes Geld bringt und Spa\u00df macht. Und wir alle stammen aus einer mehr oder weniger gehobenen Gesellschaftsschicht, sind emanzipiert und gebildet, haben Perspektiven und arbeiten in seri\u00f6sen Umgebungen. Die wahren Gr\u00fcnde f\u00fcr das Elend vieler Prostituierter liegen sehr wahrscheinlich nicht in der Prostitution selbst, sondern in der Ausbeutung und dass solche Ausbeutung \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, liegt vermutlich daran, dass die Position der Prostituierten in der Gesellschaft nicht besonders stark ist und keinerlei Akzeptanz genie\u00dft. Illegalit\u00e4t, Angst, Armut, Bildungsarmut und generelle Verelendung &#8211; das sind die R\u00e4dchen, an denen wir drehen m\u00fcssen, um die Situation der Prostituierten zu verbessern und das zeigt der Fall &#8222;Belle de Jour&#8220;.<\/p>\n<p>Trotzdem kann f\u00fcr Frau Gold die Legalisierung von Prostitution keine L\u00f6sung sein. Sie argumentiert, dass ja schlie\u00dflich in L\u00e4ndern, in denen Prostitution bereits legal ist, immer noch der Gro\u00dfteil der Prostituierten Opfer ist. Das ist logisch, denn die Legalisierung von Prostitution allein sorgt nicht automatisch daf\u00fcr, dass auch die Ausbeutung aufh\u00f6rt. Sie erleichtert es, dass sich seri\u00f6se Modelle etablieren k\u00f6nnen. Aber da mu\u00df noch viel mehr passieren. Denn auch in L\u00e4ndern, in denen Prostitution an sich legal ist, ist vieles, was mit Prostitution eng verbunden ist, noch immer illegal oder zumindest so starken moralischen Repressionen ausgesetzt, dass es quasi illegal ist. Die Prostitutionsgesetze stehen vielfach in Konflikt mit anderen Gesetzestexten und verschaffen Anbieterinnen erotischer Dienstleistungen nach wie vor nicht gen\u00fcgend Sicherheit. W\u00e4re auch die Prostitution selbst noch illegal, w\u00e4ren die Voraussetzungen daf\u00fcr noch schlechter. Das alles verschweigt Frau Gold. Frau Gold verschweigt auch die Probleme illegaler Einwanderer und legaler Gastarbeiter, die generellen Probleme auf dem Arbeitsmarkt, die Sparma\u00dfnahmen im sozialen Bereich. Sie verschweigt insbesondere auch die Probleme, die sich genau deshalb ergeben, weil die Moralgesellschaft Prostitution nicht in ihrer Mitte sehen m\u00f6chte. Denn durch die Repressionen der Moralisten wird Prostitution in Bereiche gedr\u00e4ngt, in denen Kontrolle und Rechtspflege vielleicht nicht mehr m\u00f6glich sind, obwohl Prostitution selbst legal ist. Ich erinnere da an das Beispiel des Flatrate-Bordells &#8222;Pussy Club&#8220;, in dem Gastarbeiterinnen f\u00fcr immerhin 7.50\u20ac (!) die Stunde v\u00f6llig legal gearbeitet haben. Wovon leben diese Frauen jetzt, nachdem das Bordell auf Dr\u00e4ngen des B\u00fcrgermeisters geschlossen wurde? All diese Probleme verschwinden nicht spurlos, nur weil Prostitution legal ist. Die Legalisierung ist ein erster Schritt und die Grundvoraussetzung daf\u00fcr, dass sich \u00fcberhaupt soetwas wie Sicherheit und Ordnung aufbauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Illegalit\u00e4t f\u00fchrt immer zu Kriminalit\u00e4t, Kriminalit\u00e4t f\u00fchrt zu Gewalt, Gewalt f\u00fchrt zu Unterdr\u00fcckung &#8211; dieser Strudel ist auch aus anderen Bereichen bekannt. Wie sollen sich denn im Bereich k\u00e4uflicher Lust seri\u00f6se Modelle entwickeln und durchsetzen, wenn Menschen vertrieben, verklagt oder sogar in die Illegalit\u00e4t gezwungen werden, welche Perspektiven gibt es f\u00fcr jemanden, der sich verstecken mu\u00df und wo soll eine Ordnung herkommen, wenn erotische Dienstleistungen nur dort gehandelt werden d\u00fcrfen, wo es der Moralb\u00fcrger nicht sieht?<\/p>\n<p>Frau Gold ist der Meinung, Prostitution sei &#8222;der sichere Weg ins Elend&#8220; und m\u00fcsse deshalb verboten sein\/bleiben\/werden. Ich meine, nur wer bereits elend ist, verelendet in der Prostitution nicht weniger. Ich spreche mich deshalb daf\u00fcr aus, nicht die Prostitution, sondern das generelle Elend zu bek\u00e4mpfen. &#8222;Belle de Jour&#8220; ist ein deutlicher Beweis daf\u00fcr, dass Prostitution nicht zwangsweise ins Elend f\u00fchrt und &#8222;Belle de Jour&#8220; ist <u>kein<\/u> Einzelfall.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Tagen geistert es durch die englischen Medien: Das anonyme Londoner Call-Girl &#8218;Belle de Jour&#8216; ist nicht mehr anonym und nicht nur das. 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